Die Zehntenlüge - Teil 2



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Die Zehntenlüge

*

Vom Opfer,
dem Gebannten
und der Barmherzigkeit

*

II. „Kräftige Irrtümer” und ihre Richtigstellung.




Inhalt

Raub, Betrug, Verführung * Die Doppeldrachme und der erste Fisch: Ein Grundsatzurteil * Was bindend war (Mt 23) *
Tetzel´s „Gerechtigkeit” * Mythen und Fakten über die Zehntenlehre * Fleischernes Gebot oder himmlische Erwartung? *
Vom Segen Abrahams zum Anker der Seele
* Zur besseren Auferstehung: Rennen mit Ausdauer


Titel

Anmerkungen

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Raub, Betrug, Verführung

    Im zweiten Teil wollen wir darangehen, die wesentlichsten Schriftstellen eingehender und vor allem in ihrem biblischen Gesamtzusammenhang zu untersuchen, die zahlreiche Vertreter gesetzlicher Lehren immer wieder dazu mißbrauchen, die von ihnen erhobenen Zehntenforderungen zu begründen. Geht es ihnen doch in erster Linie darum, die Verwirklichung ihrer eigenen Vorstellungen bzw. ihrer vermeintlichen „Visionen”, die sie ihrer staunenden Zuhörerschaft als „vom Herrn kommend” präsentieren, auch durch vor allem regelmäßige Einkünfte finanziert zu bekommen. Sicherlich wird in diesem Zusammenhang auch die Frage ihres eigenen Lebensunterhalts eine nicht unwesentliche und zunächst – normalerweise – auch berechtigte Rolle spielen (vgl. Ga 6. 6, 1Kor 9. 9, 1Tim 5. 17 - 18 u. a.). Für solche erweist sich die Anwendung des alttestamentlichen Zehnten, nachdem man diesen neutestamentlich umgedeutet hat, freilich als ein gangbarer, in gewissen Grenzen funktionierender und vor allem als ein verhältnismäßig einfacher, ja fast schon bequemer Weg. Fortan ist es nämlich nicht mehr notwendig, den Weg des Ungewissen, auf den Herrn Geworfenen zu gehen, wie dies die Väter noch taten, als Gott ihnen Dinge zu tun auftrug; statt dessen kann man die Dinge selbst errichten, als vom Herrn kommend erklären und ihre Finanzierung den Geschwistern auferlegen unter der Prämisse, daß Gott ihnen schließlich zu „zehnten” geboten habe. Noch einfacher machen es sich dann all jene, die selbst bei offenkundigem Mißbrauch von Geldern diese auch weiterhin zu spenden anhalten und behaupten, daß ein Versagen der Leiterschaft schließlich nicht in ihrer Verantwortung stünde.

    Besonders perfide daran ist die Leichtigkeit, mit der es nun allerdings möglich wird, all denen, die zu einem solchen Geben animiert werden sollen, mit diversen Folgen zu drohen für den Fall, daß sie die von der Leiterschaft eingeforderten „Zehntengaben” – selbstverständlich „brutto” und in „voller Höhe” – nicht entrichten oder zu entrichten nicht in der Lage sind. Die Palette dieser Drohungen ist in der Regel immer dieselbe: meistens betrifft sie den „Fluch des Gesetzes” und das daraus hergeleitete Eintreffen von Mangel und Armut, von allgemeinem Zukurzkommen, einem Ausbleiben von Gebetserhörungen und von versagter Heilung im Krankheitsfall. Im Grunde sind die Bestandteile solcher Drohungen alle unter 5Mose 28. 15ff zu finden, wo eben dieser Fluch des Gesetzes in voller Breite dargelegt wird. Auch der Vorwurf der Rebellion gegen so genannte Autoritäten durch mangelnde Unterordnung unter dieselben ist in dem Zusammenhang immer wieder zu hören. Dieses Gebaren stellt bereits in sich infolge der mit ihm verbundenen, permanent vorhandenen Druckausübung nicht nur den Ausdruck einer Lehrverirrung schlechthin, sondern vor allem – gerade auch in ihrer Subtilität  auch eine besonders extreme wie gewissenlose Form geistlichen Mißbrauchs durch Nötigung dar, die besonders lehrmäßig immer mit Lüge einhergeht. Jene, die diesem Muster folgen, macht sie nicht nur zu Opfern, sondern unweigerlich auch zu Tätern, zu Übermittlern der Unbarmherzigkeit ihren nicht so wohlhabenden Mitgeschwistern gegenüber. Eröffnet sich doch nun gerade ihnen die Möglichkeit, sich den Ärmeren gegenüber „freizukaufen”, da sie, die vorgeblich „mit Wohlstand Belohnten”, ihre Schuldigkeit gegenüber Gott (!) schon getan zu haben meinen: ist der Arme nicht selbst an seiner Armut schuld, „sind seine Himmelsfenster nicht verschlossen”, weil er nicht recht gezehntet hat?

    So wird die Zuwendung, die nach neutestamentlicher Lehre ihnen zustehen müßte, ihnen vorbehalten und zur Opfergabe zugunsten religiöser Strukturen erklärt. Hier feiert in der Tat der alte Pharisäismus, den Jesus so klar gegeißelt hatte, von neuem Auferstehung (Mk 7. 9 – 13). Zugleich wird das Wort Gottes nicht etwa aufgerichtet, sondern aufgelöst, und mit dergleichen pseudobiblischen Lehren – Jesus nennt sie die Überlieferungen, die ihr überliefert habt  ersetzt. Und noch ein Zweites geschieht dabei: Das Gesetz des Christus, das den Leib in der Liebe zusammenhält, indem einer des anderen Last tragen soll (Ga 6. 2), wird nicht nur verlassen und aus den Angeln gehoben, sondern zuletzt völlig pervertiert und auf den Kopf gestellt. Im vorigen Kapitel haben wir uns ja schon mit diesem äußerst gesetzlichen, lieblosen und geradezu unverschämten Gebaren auseinandergesetzt. Wir sehen also, daß mit solchen Lehren immer ein Schlag gegen die Beziehung geführt wird  sowohl gegen die Beziehung zu Gott, als auch gegen die zum Nächsten, zu dem Bruder und der Schwester an ein und demselben Leibe, in deren Zusammenhang Gott uns gestellt hat. So wird die Lüge aufgerichtet, und die Liebe gleichzeitig verlassen, um ein religiöses, scheinbiblisches System im Machtgefüge hierarchisch strukturierter Leiterschaft aufzubauen. Dieser deutlich erkennbare Hang zu Abfall und Lieblosigkeit ist immer ein Merkmal dessen, daß mit einer Lehre etwas nicht stimmt.

    Das ist die eine Seite, die wir am zutreffendsten wohl nur noch mit dem Wort Betrug beschreiben können. Die andere Seite ist der Raub, der mit einem solchen Gebaren gerade an solchen Geschwistern vollzogen wird. Dieser Raub wird ebenso gerissen wie gewissenlos kaschiert hinter der Maleachi entrissenen Formel, jene würden angeblich Gott berauben”, wenn sie nicht oder nicht ausreichend „zehnteten. Das ist nicht nur eine faustdicke Lüge, sondern eine regelrechte Umkehrung der Wahrheit in ihr direktes Gegenteil. Es ist eine allgemeine Praxis der Finsternis, daß sie ihren Betrug an anderen damit zu verbergen sucht, daß eben denselben Betrug ihren Opfern anzuhängen sucht  nach der Methode: Haltet den Dieb, sprach der Dieb. Die Wahrheit nämlich ist, daß jene ihre eigenen Geschwister berauben, die nach biblischem Verständnis Glieder an ein und demselben Leibe, in dem Sinne also ihr eigen Fleisch und Blut sind (vgl. Mk 7. 9 - 13, s. o.). Ja, sie berauben mit derlei Praktiken und Forderungen nicht nur ihre Geschwister, sondern letztlich Gott Selbst! Denn Gott ist es ja, der diejenigen, die Mangel leiden, aus den Gaben derer versorgen will, die gerade überfließend sind. Sie aber behalten  Gott, der dies als Ordnung der Versorgung innerhalb des Neuen Bundes eingesetzt hat, nicht nur die Möglichkeit vor, dies auch entsprechend zu tun, sondern berauben auch noch jene, die Mangel leiden, und damit nicht genug, sie sprechen sie ob ihrer Armut obendrein auch noch schuldig, da sie angeblich nicht reichlich genug gegeben hätten!

    Was für ein Wahnsinn.  Nachzulesen ist die hier angesprochene Ordnung in 2Kor 8. 9 - 15. Wir werden uns damit vor allem im nächsten Kapitel noch eingehender zu befassen haben; so viel sei an dieser Stelle dazu gesagt, daß dies eine weit bessere und überlegenere Ordnung ist, als dies der Zehntendienst nach dem Gesetz, wie Maleachi ihn im Zusammenhang seiner Ermahnungen an Levi, den Priesterstamm des Alten Bundes anführt, es jemals hätten sein können. Vor allem ist das eine Ordnung die für uns als den im Neuen Bund Lebenden endlich auch wirklich funktioniert. Nicht umsonst charakterisiert ja gerade der Hebräerbrief die Ordnung Levi insgesamt als eine veraltete, schwache und nutzlose, da sie vor allem bezüglich der Sünde des Menschen nichts vollbringen konnte (Hbr 7. 18 - 19, 8. 13 u. a.). Und daß die Zehnten zu dieser Ordnung gehörten, und zwar als Bestandteil ihrer eigenen Opfergesetzgebung, steht außer Zweifel.

    Die mit dem in der Zehntenlehre eingeschlagenen Weg einher gehenden Vorstellungen erscheinen für viele, da sie mit diversen, fast schon regelmäßig aus ihren jeweiligen Zusammenhängen herausgenommenen Schriftstellen nach menschlichem Empfinden relativ gut begründet werden können, allerdings auch als besonders schlüssig. In ihrer vermeintlichen Einfachheit und ihrer sich dem unbedarften Zuhörer leichthin präsentierenden, jedoch nur scheinbaren inneren „Logik” liegt dann allerdings auch die immense Verführungskraft solcher Lehren verborgen. Da sie ihrem Anwender die Möglichkeit vorgaukeln, er könne seine Versorgung durch eigenes „Zehnten und Opfern” in die eigene Hand nehmen und gewissermaßen selber „steuern”, bergen sie in sich die Gefahr des zunehmend Unabhängigwerdens von Gott, von Seiner Gnade und von Seiner Führung. Die andere Gefahr des Rückfalls unter den Einflußbereich des Gesetzes und damit eines anderen Evangeliums haben wir im ersten Kapitel bereits hinreichend beleuchtet. Und die Gefahr dieser Lehren besteht, nicht nur obschon, sondern gerade weil sie sich mit Bibelworten schmücken; und da sie sich hinter diesen Bibelworten regelrecht versteckt,  ist sie nach wie vor zumeist unerkannt geblieben - und will auch weiterhin unerkannt bleiben. Denn dies macht ja gerade die Wirkungsweise einer Verführung aus: Sie soll für möglichst viele auch so lange wie nur möglich im Dunkeln bleiben und kann dann von den meisten auch nicht gesehen werden.

    Eine Verführung, die man sieht, ist keine Verführung mehr. „...alles aber, vom Licht entlarvt, wird offenbar, hatte Paulus an die Epheser geschrieben (Eph 5. 13). Die hier beschriebene Praxis entspricht insbesondere den Anschauungen heutiger sogenannter „Glaubenslehrer”, die zu erheblichen Teilen aus Amerika oder Übersee zu uns herübergekommen und bedauerlicherweise ungeprüft, d. h. ohne einmal tatsächlich nachzuforschen, „ob es sich so verhielte, unter uns aufgenommen worden sind. Diese allzu schnelle Annahme solcher Irrlehren in unserer Mitte offenbart eine geradezu erschreckende Oberflächlichkeit, gerade auch unter solchen, die es hätten besser wissen müssen. Hinzu kommt, daß in der fälschlich so genannten „Glaubensbewegung” und ihren diversen Ablegern eine gute, biblisch fundierte, theologische Arbeit und Exegese, die diese Bezeichnungen tatsächlich auch verdiente, so gut wie nicht vorhanden zu sein scheint. Hier rächt sich ein mangelndes Studium der Heiligen Schrift – das sich eben gerade nicht nur in dem Herausnehmen und dem Ablesen einzelner Bibelstellen erschöpfen kann, sondern auch deren Zusammenhänge in der ganzen Schrift beachten muß – in gravierender Weise. Wie dieses Herausnehmen und Umdeuten von Bibeltexten geschieht, davon haben wir schon im ersten Teil einiges gesehen. Laßt uns also nach Möglichkeit immer das ganze Wort studieren!



Die Doppeldrachme und der erste Fisch: Ein Grundsatzurteil

    Wer das Neue Testament unvoreingenommen und vor allem nicht durch die Brille gesetzlicher Lehren liest, der wird sich der Tatsache allerdings nicht weiter entziehen können, daß in ihm eine an die Gemeinde des Neuen Bundes gerichtete Anweisung, einen Zehnten zu entrichten, schlichtweg nicht vorhanden ist. Dies gilt gerade auch für die Paulusbriefe. Paulus, der doch so ungemein viel im Gemeindezusammenhang zu sagen hatte, sollte er hier etwas so Wichtiges – wie die „Glaubenslehrer” unaufhörlich betonen – der noch jungen Gemeinde vorenthalten haben? Vom Zehntengeben lesen wir bei ihm jedenfalls nichts. Dasselbe ist auch von allen anderen Briefen zu sagen, die Johannes, Jakobus oder Petrus geschrieben haben. Aus der Apostelgeschichte ist eine solche Praxis ebenfalls nicht bekannt. Wie wir schon im ersten Teil gesehen haben, ist die noch junge Gemeinde sogar darin übereingekommen, keine einzige Sache des Gesetzes mehr zuzulassen außer dem Verbot von Götzenopfern, des Gebrauchs von Ersticktem oder Blut und des Versagens von Hurerei (Apg 15. 23 - 29). Aber auch der Herr Jesus Selbst hatte Seiner Jüngerschar in betreffs der Zehnten keinerlei Anweisung mehr zu erteilen gehabt, und was einer etwaigen Entrichtung anderer Abgaben betraf, war Seine Auffassung ebenfalls eine ganz andere und hob sich von der Seiner Zeitgenossen vollkommen ab:

    Als sie wieder nach Kapernaum kamen, traten die Einnehmer der Doppeldrachme zu Petrus und sagten: „Entrichtet euer Lehrer die Doppeldrachme nicht?

    Er antwortete: „Ja!” Als er dann ins Haus trat, kam Jesus ihm zuvor und sagte: „Was meinst du, Simon? Von wem nehmen die Könige der Erde Zölle oder Kopfsteuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden?” Als er sagte: „Von den Fremden”, entgegnete ihm Jesus: „Demnach sind doch die Söhne frei. Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh an den See, wirf die Angel aus, nimm den zuerst heraufkommenden Fisch und öffne sein Maul; da wirst du einen Stater [1] finden, nimm denselben und gib ihnen den für mich und für dich.”

Mt 17. 24 - 27

    In dem uns hier überlieferten Gespräch illustriert der Herr Jesus die Herrschaft Gottes anhand der Herrschaft der Könige dieser Erde und der Art und Weise, wie diese einerseits mit ihren Völkern, und andererseits mit ihren Söhnen umgehen. Die in unserem Text gemachte Aussage stellt gewissermaßen ein „Grundsatzurteil” dar, an dem alle diesbezüglichen Fragen, soweit sie die Jünger betreffen, zukünftig zu messen sein werden. Hier wird nun insbesondere die Frage der Beziehung und des Beitrages der Jünger zum Tempel und damit zur Rechtsforderung des Gesetzes geregelt. Der Tempel gehört demnach ganz klar in die Herrschaft Gottes hinein. Und doch gilt seine Wirksamkeit nicht allen in gleicher Weise; dem „Fremden” stellt er etwas anderes dar als dem „Sohn”. Der Herr zweifelt auch die geforderte Steuer keineswegs an; er stellt aber die Frage, wem sie gilt. 

    In unserem Bericht steht nun ein kleines Wort, das meistens überlesen wird. Es ist das Wort zuvorkommen. Im Griechischen lautet es pro-phthano, was wörtlich mit zuvor-überholen zu übersetzen ist. Wir kennen seine Bedeutung auch im Deutschen: Da will uns gerade jemand verlassen, dem wir eigentlich noch etwas Wichtiges zu sagen hatten. Was tun wir? Wir laufen ihm solange nach, bis wir ihn erreicht haben, und sagen ihm das, was so wichtig war. Wir wollen vielleicht jemanden daran hindern, etwas Verkehrtes zu tun: auch hier müssen wir schneller sein als er, müssen ihn verfolgen und schließlich einholen, um ihn von seinem falschen Weg – vielleicht gerade noch – abzuhalten. Und in genau dieser Weise überholt Jesus nun auch den Petrus und kommt ihm gerade noch zuvor, als er offenbar eben ins Haus eilen will, um die von den Steuereinnehmern verlangte Doppeldrachme herauszuholen. Hatte er ihnen gegenüber nicht gerade ganz eilfertig bestätigt, daß auch der Meister sie entrichte?

    Denn daß nicht irgendeine, sondern die Doppeldrachme zu geben sei, das stand für Petrus gänzlich außer Zweifel. Daran war er, der er doch vom Gesetz her kam, gewöhnt; da gab es für ihn nichts zu deuteln: Alle taten es; schließlich war es die Überlieferung der Väter. Wie viele sind es doch, die auch heute noch, wie sie sagen, ganz selbstverständlich „ihrenZehnten geben, und so der ihnen dargebotenen Verkündigung gehorchen, ohne jemals darüber wirklich nachgedacht zu haben, ob dies auch der Wille des Meisters sei. Doch da ist schon Petrus, der dem Herrn eigentlich nachfolgen sollte – wie so oft auch wir – wieder einmal zu schnell gewesen, ist dem Herrn vorausgegangen, weil er sich hat von anderen fragen, sich von anderen hat leiten lassen. So halte auch Du ein, lieber Bruder, liebe Schwester, wenn Du zu schnell gewesen und dem Herrn vorausgeeilt bist, weil Du auf die Anfragen anderer antworten und einem Gesetz Genüge tun wolltest: Der Herr möchte Dich nun etwas fragen. Das dürfen wir aus einem oft überlesenen Wort lernen.

    Es galt also, zwei Fragen zu beantworten, zwei Fragen von zwei entgegengesetzten Seiten, von zwei einander widerstrebenden Wegen; doch nur die eine ist die alles entscheidende, die wesentliche, die es hier zu beantworten gilt. Und so steht der Herr nun vor dem, der es doch so eilig hatte, daß er unbedingt noch vor ihm in Haus gelangen wollte, und stellt Seine Frage: Von wem nehmen die Könige der Erde Zölle oder Kopfsteuer, von ihren Söhnen, oder von den Fremden? Die Antwort liegt auf der Hand: es ist der Fremde, dem die Steuer gilt. Und bei Gott, dem die Könige der Erde mit ihren Völkern als Gleichnis dienen, ist es demnach ganz genau so: Auch Er hat Söhne, so wie sie; doch auch für Ihn gibt es Fremde unter Seinem Volk, die Ihn nicht kennen: sie gehören zwar zu Seinem Volk, jedoch nicht zu Seiner Familie, und damit nicht zu Ihm Selbst. Es sollte hierbei nicht unbedacht bleiben, daß, wie bei irdischen Verhältnissen auch, die Fremden die Mehrheit, die Söhne ganz naturgemäß die Minderheit stellen. Nicht wahr: Des Königs Volk sind immer viele, des Königs Familienmitglieder aber immer nur einige wenige. Und doch haben die Söhne, obwohl sie eine so verschwindend geringe Zahl gegenüber der großen Menge des Volkes darstellen, einen gewaltigen Vorzug: Sie werden Freie genannt. Es ist also auch hier keineswegs so, daß eine Überzahl auch einen Vorzug darstelle.

    Ein weiterer Seitengedanke ist es wert, in dem Zusammenhang Erwähnung zu finden. Dem Sohn allein, dem leiblichen Nachkommen also, nicht aber dem Volk wird einmal auch das Königreich übereignet werden. Auch hier dürfen wir uns durchaus an dem Bild weltlicher Könige jener Zeit orientieren, die nach ihrem Tode ihre Königsherrschaft an ihre Söhne weitergeben. Von dort aus können wir dann wiederum auf das Reich Gottes schließen. Das Reich gilt allein dem Erstgeborenen; dieser teilt es dann, wie dies schon bei der Landaufteilung unter den Nachkommen der Väter des Alten Bundes üblich war, mit den nach ihm geborenen Söhnen, Seinen Brüdern. Aus diesem Grunde werden diese dann auch als Anteils- bzw. auch als Losteilinhaber bezeichnet [2]. In diesem Sinne sind Gottes Kinder, als die geistlich Wiedergeborenen, auch Miterben Christi, Mitteilhaber an dem Reich, das dem Christus, als dem Erstgeborenen, von Gott zugelost wurde:

    Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, daß wir Kinder Gottes sind; wenn aber Kinder, dann auch Losteilinhaber, und zwar Losteilinhaber Gottes; Losteilinhaber aber zusammen mit Christus; wenn wir nämlich mit Ihm leiden, damit wir auch mit Ihm verherrlicht werden.

Rö 8. 16 – 17

    Doch auch hier ist es nicht die große Volksmenge am Ort, sondern es ist gerade die kleine Schar derer, die Christus nachfolgen, denen das Reich zugedacht worden ist. Denn Gottes Gemeinde ist nie die große Masse, als umfasse sie ganze Nationen; sie kann von ihrem Wortsinn her immer nur ekklesía, immer nur eine aus der Welt Herausgerufene sein. So ruht die Verheißung eben nicht auf der von vielen favorisierten, gewaltigen so genannten „mega-church” auf Erden, noch auf die vorgebliche Erweckung ganzer Nationen, wie man dies (vorrangig durch das Verbreiten falscher Prophetien) auch in Bezug auf unser Land immer wieder behauptet hat, sondern es ist die kleine, die unscheinbare, die geringe Schar, der Gottes Berufung gilt. Alles andere ist eine unnüchterne und unbiblische Schwärmerei und führt die, die sich darauf einlassen, völlig in die Irre. Darum sagte der Herr Seinen Jüngern:

    „Fürchte dich nicht, du kleines Herdlein, da es eurem Vater wohlerscheint, euch das Königreich zu geben.

Lk 12. 32

    Unser Herr nun ist Gottes Sohn Selbst, Sohn von Geburt; und ganz ausdrücklich bezieht Er Seine Jünger, die Ihm nachfolgen, mit in diese Seine Sohnschaft ein: Er ist Sohn, und Söhne nennt Er auch sie (Mt 17. 24f., s. o.). Schon unter den Propheten des Alten Bundes waren zwar jene, die mit den Propheten mitzogen, um von ihnen zu lernen, als Prophetensöhne bezeichnet worden. Diese Tatsache zeigen unseren Herrn durchaus als in rabbinischer Tradition stehend; war Er doch nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern sie zu erfüllen (Mt 5. 17 - 20). Und doch geht diese Aussage tiefer, als viele zu denken wagen. Indem der Sohn sie Söhne nennt, werden die Jünger als Teilhaber mit in Seine Gerechtigkeit einbezogen, ja mehr noch - weil es doch nicht nur um den einen Sohn, sondern um die Söhne geht, womit hier nicht nur der Herr Selbst, sondern ganz unzweifelhaft alle Teilhaber dieser Gemeinschaft mit Ihm angesprochen werden, bezieht Er sie mit ein in Seine eigene Gottesohnschaft und damit in den hohen Stand Seiner Geburt, ja Seines göttlichen Lebens Selber! Wäre es anders, dann ergäbe Seine Frage, ob denn die Fremden an die Könige Steuer zahlten oder deren Söhne, in ihrem hier ganz offen zutage tretenden Gottesbezug keinen Sinn; Seine Feststellung, daß die Söhne von den Abgaben frei sind, griffe also völlig ins Leere. Denn, auch wenn der Herr die Königreiche dieser Erde als Gleichnis für die Herrschaft Gottes verwendet: die hier erhobene Steuer galt dem Tempel und eben nicht irgendeinem weltlichen König, wie etwa dem Kaiser im fernen Rom (siehe Mt 22. 17 – 21, Mk 12. 14 – 17, Lk 20. 22 – 25). Und schließlich ist es nicht irgend jemand, mit dem Jesus hier spricht, nein – es ist Petrus, einer Seiner engsten Jünger, den Er hier beiseite nimmt und ihn fragt, ob denn die Fremden an die Könige Steuern zahlten oder deren Söhne.

   Warum wohl stellt der Herr Seinen Jüngern ausgerechnet diese Frage? Weil Er sie etwas lehren will, sagen wir, natürlich. Doch es ist offenkundig, daß diese Frage die Jünger etwas angeht. Denn wir sehen ja, wie eilig es Petrus damit hat, die vom Gesetz geforderte Tempelsteuer zu bezahlen. Ja, gerade weil der Herr Jesus, und damit auch Seine Jünger, was Gott betrifft, nicht zu den Fremden, die Gott nicht kennen, sondern zu den Söhnen gehören, gilt ihnen diese Steuer nicht. Denn es sind die Söhne, die ja nicht nur in unmittelbarer Beziehung zu Gott stehen, sondern vor allem auch durch ihre Geburt von Ihm her abstammen und damit Glieder Seiner Familie sind. Diese Geburt ist die Neue Geburt aus Wasser und Geist, die all denen, die sie erfahren, Vollmacht verleiht, Gottes Kinder zu werden (Jo 1. 14, 3. 1ff). Wie alle Wiedergeborenen sind sie mit dem Herrn verwandt und gehören fortan zu Seinem Haushalt. Später wird Paulus die Gemeinde, völlig deckungsgleich mit den Aussagen des Herrn, als Familie und Haushaltung Gottes bezeichnen (Ga 6. 10, Eph 2. 19ff, 1Tim 3. 15). Als solche sind sie allerdings nicht mehr nur Knechte, sondern Söhne, die denselben Geist und damit dasselbe Leben des Vaters in sich tragen wie Jesus, der der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist (Rö 8. 29). Und so sind diese, da sie Söhne sind, von den im Gesetz geforderten Abgaben frei, im Gegensatz zu den Knechten, die sie zahlen müssen (vgl. Eph 2. 13 – 19). Nein, Jesus läßt es von vorn herein nicht zu, daß Petrus oder überhaupt auch nur irgend einer Seiner Jünger die vom Gesetz eingeforderte Schuldigkeit begleiche. Denn an Ihm allein, nicht aber an den Jüngern war es, alle Gerechtigkeit zu erfüllen (vgl. Mt 3. 15). Und so vollbringt Er Selbst, der Sohn Gottes und der Mensch zugleich, als unter das Gesetz getan, das Wunder. Er Selbst begleicht die Forderung. Er, der Erstgeborene unter vielen Brüdern (Rö 8. 29, vgl. auch Lk 2. 7, Kol 1. 15, 18, 19, Off 1. 5), zahlt den angegebenen Preis und weist somit den Anstoß des Gesetzes in seine Schranken:

    Als aber die Zeit der Erfüllung kam, sandte Gott Seinen Sohn, der von einer Frau geboren und unter das Gesetz gestellt wurde, um die unter dem Gesetz zu erkaufen, damit wir den Sohnesstand erhielten.

Ga 4. 4 – 5

    Und weil der Kaufpreis demnach schon entrichtet wurde, gehen die Söhne frei aus.

    Jesus Selbst erfüllt hier die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit; ja mehr noch: Er macht Sich gar noch zum Lösegeld, was schließlich in dem Stater versinnbildlicht werden wird, den der Fisch im Maul tragen soll. Wir lösen das Gesetz also nicht auf, sondern richten es auf und bestätigen es, indem wir auf Den hinweisen, Der es erfüllt hat, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für Dich und für mich. Es ist ja nicht so, daß da keine Forderung bestanden hätte. Es ist nur die Frage, wer sie zu begleichen hat. Hier galt es tatsächlich etwas zu zahlen  für Mich und für dich”, für den Herrn Selbst und damit als Auslöse für den Jünger zugleich (Mt. 15. 27). Denn nicht der Stater aus dem Haus des Petrus, sondern der Stater in dem Fisch, der auf Jesu Wort hin heraufkommen sollte, das war die Währung, die hier in der Tat zu zahlen war. Und so war es nicht an Petrus, die vom Gesetz geforderte Schuld auszulösen, sondern das sollte nach Gottes Ratschluß nur der Herr, Gottes Sohn, allein. Hier gebraucht Er nun ein Wunder, um die Frucht dessen anzuzeigen, wovon Er unterwegs in Galiläa gesprochen hatte, gerade noch bevor Er mit Seinen Jüngern wieder in Kapernaum eingetroffen und Petrus dort den Steuereinnehmern begegnet war: Die Erlösung sollte vollbracht, Jesu Leben geopfert, Sein Blut als Lösegeld vergossen werden. Denn dort, noch in Galiläa, hatte Jesus Klartext zu ihnen geredet über das, was in Kürze geschehen sollte:

    „Demnächst wird der Sohn des Menschen in der Menschen Hände überantwortet werden, und sie werden Ihn töten; aber am dritten Tage wird Er auferstehen.”

Mt 17. 22 - 23

    Und so ist keines der Wunder, die der Herr jemals getan hat, Selbstzweck, dient keines der bloßen Schau; jedes Seiner Wunder aber ist Verkündigung, ist Veranschaulichung des Willens und Wesens Gottes.

    Damit liegt in dem hier verheißenen und am Ende auch vollbrachten Wunder ein geradezu prophetisches Gleichnis verborgen, das schließlich in die vollbrachte Erlösung aller und in ihre damit verbundene Freiheit vom Gesetz einmünden wird. Wir werden dabei ganz unvermittelt auch an das Zeichen des Jona erinnert, das das einzige Zeichen ist, das Jesus Seiner Generation zu geben bereit ist und das gleichfalls, wie eben schon umrissen, Seinen Opfertod am Fluchholz und – drei Tage danach – Seine Auferstehung zum Inhalt haben wird:

    „Diese böse und ehebrecherische Generation trachtet nach einem Zeichen; doch man wird ihr kein Zeichen geben außer dem Zeichen des Propheten Jona; ebenso wie Jona drei Tage und drei Nächte im Leib des Seeungeheuers war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.”

Mt 12. 39 - 40; vgl. auch 16. 4; Lk 11. 29 - 30

    Der in Stürmen oftmals aufgewühlte See Genezareth, jenes schon sprichwörtliche „galiläische Meer”, wohin Petrus fischen gehen soll, kann ganz gewiß auch als eine Darstellung des ruhelosen Völkermeeres angesehen werden (vgl. Jn 1. 4 - 2. 11; Jes 57. 20, Jer 6. 23, sinnbildlich auch Off 17. 1; vgl. Mt 14. 24 - 33). Petrus ist ja vor allem einmal dazu berufen worden, Menschen zu fischen, die Gott Seiner Familie hinzufügen kann (Mt 4. 19). Und weil Christus nun der Erstling Seiner Brüder ist, so ist es dann ganz folgerichtig auch der erste Fisch, den Petrus auf Sein Geheiß hin fangen wird, der jenen Stater im Maul tragen wird, der für Beide – für den Herrn Jesus Selbst wie auch für Petrus – völlig ausreichen wird.

    Etwas gänzlich anderes hatte der Herr nun allerdings den Vertretern der damals vorherrschenden gesetzlichen Frömmigkeit zu sagen gehabt. Wir wir gerade sahen, gehörten ganz gewiß auch unsere Steuereinnehmer dazu. Waren sie etwa die Fremden, die Gott nicht kannten, obwohl sie doch so sehr mit äußerlicher Frömmigkeit und Religiosität beschäftigt waren und Ihm gerade dadurch ganz besonders nahe sein wollten? Was ihnen galt, das soll uns im nächsten Abschnitt interessieren.



Was bindend war

    Dazu ist es notwendig, noch ein wenig bei Matthäus zu verweilen.

    Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verzehntet die Minze, den Dill und den Kümmel; doch das Wichtigste im Gesetz, das gerechte Richten, die Barmherzigkeit und den Glauben, das laßt ihr außer acht. Dies muß man beachten und jenes nicht unterlassen. Ihr blinden Leiter, die ihr die Mücke seiht, aber das Kamel verschlingt!

Mt 23. 23, 24

    Dies eine der beiden Kardinalstellen, die von den einschlägigen Irrlehrern dazu mißbraucht werden, von den Gemeindegliedern einen Zehnten einzufordern. Nun ist es ja in der Tat ganz offenkundig, daß es hier um den Zehnten geht. Wie es jedoch nicht möglich ist, jede der Worte und Handlungen in der Heiligen Schrift auf uns zu beziehen, so können wir auch hier nicht einfach Dinge für uns übernehmen, ohne zu prüfen, wem sie gelten und in welchem Zusammenhang sie stehen. Wer dies nicht beachtet, der gleicht einem Mann, der in seiner Torheit gelesen hat, daß Judas sich erhängt habe, und nun dasselbe tun will, da an anderer Stelle geschrieben steht: „Gehe hin und tue desgleichen”. Jeder wird sofort einsehen, daß dies tatsächlich eine große Torheit ist. Dennoch tun wir solche Dinge, wenn auch in anderen Zusammenhängen, immer wieder, ohne danach zu fragen, ob wir es seien, an die Gott solches gerichtet habe. Diese Frage sollten wir allerdings immer stellen, wenn wir nicht in die Irre gehen wollen. Sie ist für unseren Glauben nämlich nicht nur hilfreich, sondern geradezu existenziell, wenn es um Aussagen der Heiligen Schrift geht. Und wir sehen durchaus, daß man sich dieser Frage in Bezug auf die Zehnten nicht wirklich ausgesetzt hat; statt dessen wurden die betreffenden Texte immer wieder umgedeutet, bis sie endlich ins Konzept leiterschaftlicher Visionen gepaßt haben, die das gemein(d)e Volk mit seinen Gaben aushalten sollte.

    Ein Pastor einer mir bekannten Wort-des-Glaubens-Gemeinde (der neueren Richtung Wort und Geist nahestehend) sprach einmal davon, daß er im Internet einige der Publikationen gelesen habe, die sich ähnlich wie diese kritisch mit der Zehntenthematik auseinandersetzen. Er habe durchaus gesehen, wie schlüssig dies durch die betreffenden Brüder dargelegt und anhand der Schrift begründet worden sei. Anstatt aber nun der Angelegenheit weiter nachzugehen, verdammte er die ganze Sache in Bausch und Bogen und erklärte, daß er auch weiterhin den Zehnten geben wolle, da er nicht arm zu werden gedenke; man werde ja sehen, ob die Sache funktioniere oder nicht und wer am Ende besser da stünde. Diesem Bruder muß ich sagen: Vor Gott ist überhaupt nicht entscheidend, ob eine Sache in unseren Augen praktikabel ist oder nicht. Ob Dinge funktionieren oder nicht, ist dabei unwichtig, und es ist völlig gleichgültig, was sie uns in dieser Welt einbringen. Unserem Herrn brachte Seine Sendung, was diese Welt betrifft, nichts anderes ein als den Tod. Irdischer Erfolg ist vor Gott kein Kriterium dafür, eine Sache zu beurteilen. Vor Ihm zählt nicht der Erfolg, sondern der Gehorsam. 

    Kein Kind auf der Welt würde Gehorsam damit erklären wollen, daß die Dinge, die es tut, funktionieren. Gehorsam erklärt sich allein von dem Wort her, das der Vater diesem Kind gesagt hat und das Kind allein darum tut, weil es Kind dieses Vaters ist, unter dessen Vollmacht es steht, und weil es diesen seinen Vater liebt. Es gibt für Gehorsam keinen anderen Grund als nur diesen, und es stellt sich wieder einmal die Frage, warum wir diese Dinge im geistlichen Bereich anders handhaben als im weltlichen, wo wir dieselben Dinge als völlig normal und selbstverständlich erachten würden. Das Erfolgsevangelium nach Wort des Glaubens ist ein anderes Evangelium und hat mit dem Neuen Testament nichts zu tun. Nur das eine ist entscheidend  ob Gott eine Sache für uns angeordnet hat oder nicht. Es ist dazu auch überhaupt nicht notwendig, daß wir sie verstanden haben. Ein kleines Kind muß nicht erst verstehen, warum es denn möglich ist, daß man sich an einem heißen Herd verbrennen kann, und welche chemischen Prozesse dabei ablaufen. Es muß auch diese Erfahrung nicht erst machen, um zu vertiefen, wie richtig oder falsch diese Warnung sei. Wichtig für dieses Kind ist nur das Wort seiner Eltern: Fasse diesen Herd nicht an; Du würdest Dich sonst verbrennen, Dir Schaden zufügen und Dir damit wehe tun. 

    So ist es auch bei Gott: Wichtig ist nicht, daß wir alles das, was Er gesagt hat, bis in die feinsten theologischen Nuancen hinein verstehen, sondern lediglich, daß Gott zu uns gesprochen hat, wir Seine Stimme vernommen haben und dieser Stimme gehorchen. Punktum. [3] Gott ist kein Pragmatiker, und Seine Maßstäbe sind ebenfalls nicht pragmatisch. Um zu dem oben angeführten Bruder zurückzukommen  Dir sage ich: Wenn Du darüber gelesen hast und Dich das Gelesene schon so stark angesprochen hat, dann ist es an Dir, entsprechende Schritte zu gehen und Buße zu tun, um umzukehren von einem Weg, den Du bislang gegangen bist und der sich ganz offensichtlich als falsch erwiesen hat. Tue Buße und kehre um, solange es noch Zeit ist; stelle die Dinge richtig auch vor den Augen anderer; tust Du es nicht, wird Gott Rechenschaft von Dir fordern für den Weg, den Du gegangen bist, und für die Seelen, die Du irregeführt hast. Die Dinge, von denen wir hier zu reden haben, sind zu ernst, als daß man damit spielen könnte.

    Damit erzeigt sich das Zehntengeben eben gerade nicht als Ausdruck einer besonderen Treue, sondern viel eher als Kennzeichen eines An-Sich-Reißens von Dingen, die Gott uns nicht geboten hat. Und wie wir sagten, geschieht dies in erster Linie durch eine Leiterschaft, die diese Dinge immer wieder kolportiert, um ihre eigenen Visionen zu erfüllen. [4] Was aber nun galt wem wirklich? Das war ja schon die Frage des vorigen Abschnitts. Wem galt nun dieses Wort? Wie schon dort, so ist auch hier die Antwort nicht besonders schwer: das hier vorliegende Schriftwort stellt, wie jeder aufrichtige Bibelleser sehen kann, einen ausschließlich an die Schriftgelehrten bzw. an die Pharisäer Seiner Zeit gerichteten Ausspruch Jesu dar. Dennoch ist sie eine der wenigen neutestamentlichen Aussagen, noch dazu aus dem Munde des Herrn Selbst, die man regelmäßig zu dem Zweck verwendet, eine Einforderung und Abgabe des Zehnten in der neutestamentlichen Gemeinde begründen und damit rechtfertigen zu wollen. Insbesondere das Wort, dieses tun und jenes nicht lassen zu sollen, so wird unterstellt, beweise solches  ein Kunstgriff par excellence und damit ein ziemlich gerissener Betrug, auf den dann (wen wundert´s) auch viele hereinfallen.

    Hier wird nun allerdings genau das Gegenteil dessen gelehrt, was wir anhand unserer vorigen Untersuchung gerade herausgefunden haben; hier wird das Gesetz unzulässigerweise wieder aufgerichtet, und nicht nur das Gesetz an sich, sondern auch der Abfall und der Ungehorsam der Zeitgenossen Jesu gleich mit. Denn schauen wir uns diese Schriftstelle einmal näher, und insbesondere in ihrem zeitlichen Kontext an, so wird allerdings bald deutlich, daß eine solche Behauptung gar nicht schlüssig sein kann. Das ist ja eine der größten Schwächen und Gefahren der Glaubensbewegung und ihrer Ableger zugleich, daß sie ständig Schriftstellen verwenden, die sie regelmäßig aus ihren Zusammenhängen entreißen und damit eine Bibeltreue vorgeben, die sie von vornherein gar nicht halten können, weil Bibeltreue nichts mit dem Auseinanderreißen einzelner Schriftstellen zu tun hat. Nichtsdestotrotz ist es gerade der vorgehaltene Anspruch einer besonderen Schrifttreue, unter dem man alle die „berichtigen” zu wollen sich anmaßt, die diese Dinge nicht vertreten, weswegen die meisten auf ihre Irrlehren hereingefallen sind. (Dieses Schema betrifft allerdings nicht nur die Glaubensbewegung.) Was aber steht hier wirklich, und was ist der Kontext dieser Stelle? Zunächst einmal ist festzuhalten, daß Jesus hier zu Menschen spricht, die unter dem Gesetz lebten und das Gesetz halten zu wollen vorgaben. Unser Wort steht in einer Reihe von sieben Weherufen, die sich allesamt an die Pharisäer richten, um dann in das Gerichtswort über die Zerstörung Jerusalems zu münden; es stellt dabei den vierten Weheruf dar (Mt 23. 13 – 39). Dies ist demzufolge weder ein an die Jünger gerichteter Befehl, noch betrifft dieses Wort die Gemeinde; denn die Gemeinde war noch nicht gegründet, und ihr Zeitalter war noch nicht angebrochen.

    Die Zehntenlehrer jedoch machen aus diesem an die religiöse Führerschaft des Volkes Israel gerichteten Drohwort eine Weisung, die der Herr an die Jünger gerichtet habe. Das ist eine unzulässige Schriftstellenklitterung, da wir gesehen haben, daß der Herr dieses Wort eben gerade nicht an die Jünger gerichtet hat, sondern ausdrücklich – der Text läßt keine andere Deutung zu – an die Pharisäer und Schriftgelehrten Seiner Zeit. Zum anderen sagt uns Matthäus hier völlig unzweideutig, daß der Herr an dieser Stelle über das Gesetz, den Inhalt (den „Kern”) und den Zweck desselben redet. Er spricht nämlich über „das Wichtigste im Gesetz”, was die Zehntenprediger regelmäßig übersehen machen wollen (Vers 23). Das hier nicht etwa eine allgemeingültige, etwa auch die Leibgemeinde des Neuen Bundes betreffende Regel gemeint sein kann, wird auch in dem Inhalt Seines Vorwurfes deutlich, den Er wiederum nicht den Jüngern, sondern den Pharisäern zu machen hat. Sie, und damit alle die, die in derselben Verfehlung stehen wie diese, sind und bleiben der eigentliche Adressat dieser Rede. Er spricht nämlich davon, daß sie – auf penibelste, kleinlichste Weise – die Bestimmungen der alttestamentlichen Gesetzgebung einzuhalten, ja gar noch zu übertreffen suchten: Sie verzehnteten alles, was ihnen auch nur irgendwie dafür geeignet schien – obwohl vom Gesetz nicht vorgeschrieben, sogar kleinste Mengen an Gewürzen und Gemüsen, um geradezu buchstäblich ihre Gesetzestreue unter Beweis zu stellen. Gleichzeitig vernachlässigten sie das, was den Inhalt und den Zweck desselben Gesetzes ausmachte, und worauf dieses Gesetz schließlich hinzielte – nämlich „das gerechte Richten, die Barmherzigkeit und den Glauben” – das heißt also das barmherzige, liebende Gewähren der dem Nächsten zustehenden Zuwendung – wozu die verschiedenen Zehnten gegeben waren – und des Auslebens der Beziehung zu Gott. So war wieder einmal ein Regelwerk an die Stelle lebendiger Beziehung getreten.

    So finden wir all jene, die diese Dinge wiederaufrichten wollen, als in der Gefahr stehend vor, in dieselbe Gesetzlichkeit und denselben Pharisäismus abzurutschen wie jene Zeitgenossen, zu denen Jesus hier sprach. Wie sehr sich dieser Pharisäismus gerade unter den „treuen Zehntengebern” der Glaubensbewegung und anderswo breitgemacht hat, das haben wir oben bereits angedeutet. In diesem Sinne haben uns diese Sätze tatsächlich vieles zu sagen. Noch klarer wird die Tatsache, daß hier keine etwa an die Gemeinde gerichtete Weisung vorliegt, sondern ein allein an die Frommen damaliger Zeiten gerichteter Tadel, wenn wir dieselbe Aussage noch näher am Grundtext betrachten und so ihren eigentlichen Sinn ermitteln. Nachdem Jesus Seinen Vorwurf den Pharisäern gegenüber ausgesprochen hat, zeigt Er ihnen demnach auf, daß es bindend gewesen wäre, das eine getan, ohne das andere dabei verlassen zu haben. Der diesbezügliche 23. Vers lautet nach einer sehr wörtlichen Übersetzung: 

    „Wehe euch, Schriftkundige und Pharisäer, Heuchler, daß ihr zehntet von der Minze und dem Dill und dem Kümmel, und ihr lasset das Schwerere des Gesetzes, das Gericht und das Erbarmen und das Vertrauen; (aber) bindend war diese (zu) tun und jene nicht (zu) lassen”.

    Die Fügung „bindend war” lautet im Griechischen hédei und leitet sich von dem aktiven Verbum déo, etwas fest- oder zusammenbinden ab, was implementiert, daß durch eine Festlegung – hier das Gesetz und das darin enthaltene Zehntengebot – etwas miteinander verbunden werden soll. Auch wir kennen ja die Redensart: „Das ist bindendes oder verbindliches Gesetz”, d. h. wir sagen also, daß wir daran gebunden und ihm somit verpflichtet sind. Damit wird außerdem ausgesagt, daß etwas – im Kontext das Volk Israel – an eine Grundlage gebunden war (hier im Sinne von wäre gewesen). Das Wort hedei weist in der Wurzel nämlich zugleich auf den Grund oder Boden hin, grie. hedós, was auf die Grundlage des Bodens hinzeigt, der Israel gegeben war, und worauf das Gesetz und mit ihm die Zehnten fußten. Dieses Gesetz mit seinen Zehnten war demnach das Bindeglied, das Israel an das ihnen gegebene Land – den Erdboden als Grundlage ihres Lebens – festband; in diesem Sinne war es für sie also bindend. Die in den meisten Übersetzungen verschliffen mit „sollt” (fälschlicherweise im Imperativ, Präsens) übersetzte Fügung hédei – wodurch uns nicht nur ein Zugang dieses Verständnisses verbaut wird, sondern woraus sich auch die heutigen Irrtümer betreffs der Zehnten wenigstens zum Teil herleiten lassen – steht im Grundtext sowohl in der unvollendeten Vergangenheit (Imperfekt), als auch in einer sich aus dem Zusammenhang heraus ergebenden Möglichkeitsform, was im Deutschen nicht mit einem Wort wiedergegeben werden kann. [5]

    Wichtig für unser Verständnis sind auch die Zeitformen der Verben tun (oder machen) und lassen. Es sind dies Formen des nur im Griechischen vorkommenden Aorists; das Verb tun steht dabei im sogenannten Ersten oder Schwachen, das Verb lassen im Zweiten oder Starken Aorist. Der Erste Aorist kennzeichnet eine fortlaufende, fließende und nicht abgeschlossene Handlung, die sich noch immer in der Durchführung befindet, während der Zweite eine abgeschlossene, statische Handlung anzeigt, als eine Tätigkeit oder einen Vorgang, die zu einem Ende gekommen ist. Im Kontext unseres Verses verdeutlicht uns dies, daß die angesprochenen Pharisäer und Schriftgelehrten zwar das Gesetz mit seinen beständig wiederkehrenden Zehnten dem Buchstaben nach peinlichst genau einzuhalten suchten – als zum Zeitpunkt der Rede noch immer fortlaufende Handlung – , während sie das damit verbundene Gericht, das Erbarmen und das Vertrauen dahinten gelassen hatten, was bedeutet, daß sie das Befolgen dieser Inhalte und Zielsetzungen des Gesetzes in einer schon zurückliegenden Zeit beendet oder abgebrochen hatten – eine abgeschlossene Handlung. 

    Der Herr sagt ihnen, die in dieser Tradition des mit dem Land verbundenen Gesetzes stehen, also nichts anderes, daß es von ihrer Grundlage her – nämlich ihrem Land und dem damit verbundenen Gesetz mit seinen Zehnten – bindend gewesen wäre, wohl das eine fortzusetzen, ohne das andere dabei verlassen oder aufgegeben zu haben. Immer wieder wird dies uns begegnen, wie dies in dem Bild der Mutter deutlich wird, der man die Zuwendung verweigert und statt dessen – mit dem Hinweis auf die Opfergabe – für den Tempel verwendet hatte (Mk 7. 11). Das alles sind Dinge, wie ich sie in der Glaubensbewegung häufig erlebt habe. Die Aussage wird damit klar, daß die nach dem Gesetz vorgeschriebenen Zehnten aus den Erträgen des Landes (3Mo 27. 30, 32; 5Mo 12. 6 - 18, 14. 22 - 29, 26. 12 u. a.), die eigentlich den Bedürftigen zukommen sollten, diesen vorenthalten wurden und statt dessen ein religiöses, faules, unbarmherziges und von Gott abgefallenes System aus diesen Gaben finanziert und ausgehalten worden ist – man hatte wohl noch den Buchstaben des Gesetzes, dem man nach wie vor folgte, aber sein Inhalt war längst verlassen worden.

    Derselbe Bestand findet sich auch in der Parallelstelle Lk 11. 42. Diese Stelle gebe ich gleichfalls in einer Übersetzung nach dem Grundtext wieder: 

    Jedoch, wehe euch Pharisäern, daß ihr zehntet von der Minze und der Raute und allem Gemüse, und (in Bezug auf) das Gericht und die Liebe des Gottes danebengeht; aber bindend war, diese (zu) tun und jene nicht (zu) lassen.

    Wir finden hier also, bis in die grammatischen Formen hinein, genau dieselbe Wortwahl vor, wobei – etwas anders als Matthäus – uns hier eine Rede überliefert wird, in der der Herr Jesus neben der Minze noch die Raute und alles Gemüse anführt.

    Auch hier wird deutlich, daß es um das Gesetz geht, wobei das zugrundeliegende Gebot nur jenes sein kann, das den Israeliten das Geben der Zehnten – neben den Erstlingen der Tiere – auch von allen Früchten des Feldes vorschrieb, das die Pharisäerschaft nicht nur penibelst einzuhalten, sondern möglichst auch noch zu übertreffen suchte. Der Herr spricht hier von nichts anderem als von der Ordnung des Alten Bundes, die dem Volk Israel gegeben worden war – als dem Volk, welchem Gott das dem zugrundeliegende Land verheißen hatte. Demgemäß wurden diese Zehnten u. a. auch als die Zehnten des Landes (im Plural!) bezeichnet. Innerhalb dieser Ordnung gilt etwa, daß... 

    „alle Zehnten des Landes, sowohl von der Saat des Landes als auch von den Früchten der Bäume,... dem Herrn (gehören) und... dem Herrn heilig sein (sollen).” 

3Mo 27. 30, nach Schlachter 

    Ein Bruder sprach einmal davon, daß er in einer Versammlung, in der es Sitte war, die Zehnten einzufordern und diese in Briefumschlägen einzusammeln, einmal ein leeres Kuvert in den Geldbehälter einwerfen wolle. In diesen Umschlag wollte er vorher eine leeres Blatt einlegen und darauf schreiben: Hier mein Zehnter aus meinem Anteil an dem von Gott verheißenen Lande Israel – nämlich nichts. Er hat es dann doch nicht getan, weil er keinen Aufruhr anzetteln wollte. Und dennoch hatte er völlig recht, weil er die verschiedenen Verwaltungen verstanden hat, von denen die Bibel spricht: Wir haben nämlich keinen Anteil am Lande Israel, da wir keine Juden sind und uns darum auch kein Land zugeeignet worden ist, aus welchem die Zehnten zu erheben gewesen wären. Wir werden später noch näher auf diese Ordnung des Landes, ihr Auslaufen und Hineinmünden in die Ordnung des Neuen Bundes – der des Himmels – eingehen, der sowohl eine bessere Gerechtigkeit, als auch eine – dieser Gerechtigkeit entsprechende – andere und bessere Art der Versorgung beinhaltet, als die jener es war, die aus dem ihnen verheißenen Land heraus lebten.

    Definitiv und völlig unzweideutig also spricht der Herr in unseren Beispielen aus dem Matthäus – und dem Lukasevangelium über Bestandteile des mosaischen Gesetzes, das die Pharisäer dem Buchstaben nach einzuhalten suchten, und gerade nicht etwa über eine Verheißung, die der neutestamentlichen Gemeinde gegeben wäre. Genau daran – in der Anwendung von Stellen, die der neutestamentlichen Gemeinde nicht gelten – wird offensichtlich, daß an dieser Stelle über das hinaus gegangen wird, was geschrieben ist. Damit aber ist man derselben Versuchung erlegen wie die Zeitgenossen Jesu. Gerade ihr buchstäbliches und doch über das Gesetz hinausgehende Erfüllen war es, das sie von Gott entfernte und von dem Inhalt des Gesetzes wegführte. Später wird der Herr sie, die doch das Gesetz gerade so peinlich genau einzuhalten vorgaben, deswegen als Gesetzlose brandmarken (Mt 23. 28). Immer wieder wird in den Reden Jesu deutlich, daß all diese Gesetzeserfüllung an der Gerechtigkeit vorbeiging, die Gott suchte. Für uns bleibt in dieser Abhandlung wichtig festzuhalten, daß es hier um die Gerechtigkeit aus dem Gesetz geht, die Jesus an dieser Stelle den Pharisäern erläutert und ihnen somit klar macht, daß sie diese nicht bewahrt haben, um sie letztlich zu der anderen, neuen Gerechtigkeit hinzuführen, die sich in Ihm offenbaren würde, und eben gerade nicht um eine Anordnung für die Gemeinde des Neuen Bundes, die einer neuerlichen Aufrichtung desselben Gesetzes gleichkommen würde, das doch niemand halten konnte.


Tetzel´s „Gerechtigkeit”

    Ein im Bergischen recht bekannter Prediger schrieb einmal etwas über das in seinen Augen vorhandene Gebot des Zehntengebens in der Gemeinde. Nach seiner Meinung entspräche dessen Erfüllung, ja Übererfüllung, wie er sagte, der Gerechtigkeit, die besser sei als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Also müsse man doch – gewissermaßen als „Richtschnur” – mindestens den Zehnten geben, und noch darüber hinaus, um „besser” zu sein als jene. Sein Credo also war, durch eigenes Tun dieser Gerechtigkeit durch darüber hinausgehende Gaben noch „eins drauf zu setzen”, um sie zu übertreffen. Er bezog sich dabei auf die Schriftstelle Mt 5. 20, nach der Jesus sagt, daß wir keineswegs in das Reich der Himmel eingehen würden, wenn unsere Gerechtigkeit nicht weitaus besser sei als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Dabei übersah jener Gesetzeslehrer allerdings, daß der Herr über die Gerechtigkeit Gottes spricht, die eine völlig andere ist als die der Pharisäer, und die sich daher gerade nicht von der alttestamentlichen Frömmigkeit – aus dem Tun des Gesetzes also – herleiten kann. Denn gerade in dem Kontext der Kapitel 5 bis 7 des Matthäusevangeliums, in welchem dieses Wort eingebettet ist, legt der Herr uns die Unerbittlichkeit des Gesetzes in seiner ganzen Schärfe und bis in die letzte Konsequenz hinein vor, um allen darzulegen, daß Seine Zuhörer gerade diesen Anspruch in keiner Weise jemals zu erfüllen in der Lage gewesen sind, und daher eine völlig andere, anders geartete Gerechtigkeit benötigten, als die, die ihrem eigenen Tun entsprang. Denn diese Gerechtigkeit eigenem Tuns – das war ja gerade die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Und, wie wir in dem vorigen Kapitel gesehen haben, entsprach es voll und ganz ihrem Gebaren, über das Gesetz hinauszugehen und noch mehr zu tun und vor allem zu fordern, als ihnen verordnet war. Damit entlarven sich all diese Lehren als solche, die in der pharisäischen Tradition und Denkart gewurzelt sind, aber nicht in den Worten Jesu, auch wenn sie dieselben verwenden mögen.

    Zur Irrlehre gesellt sich immer ihre Umdeutung zur Wahrheit: durch die oben erwähnte Aussage wurde suggeriert, in eigenem Erbringen einer Leistung, die die Leistung der Pharisäer einfach nur übertreffen sollte, die göttliche Gerechtigkeit aufrichten zu können. Hier wird allerdings die Gerechtigkeit Gottes herabgewürdigt und auf eine Stufe gestellt mit einer Gerechtigkeit, die wiederum aus dem eigenen Tun und somit dem Halten eines Gesetzes erwachsen soll. Nicht unser Tun ist es jedoch, das uns den Himmel erschließt (und die damit verbundene Art und Weise, mit der – etwa nach Mt 6. 26 - 33 – der himmlische Vater uns versorgen will), sondern allein die uns in Gnaden zukommende Gerechtigkeit, die uns in Christus frei und umsonst geschenkt wird. Hier aber sollte die volle Teilhabe am Reich der Himmel (nachdem man dieses wiederum zur „organisierten Ortsgemeinde” umgedeutet hat) von der Zahlung einer Summe (!) abhängig gemacht werden. Es ist wohl kaum möglich, sich am Worte Gottes, ja an Gott und an Seinem Werk selbst noch mehr zu vergehen als mit solchen Vorstellungen. Wir haben schon im ersten Teil skizziert, welch Rückfall dies war – und zwar ein Rückfall in jene Zeiten, in denen Gott Sich dem Reformator Martin Luther offenbarte, indem Er ihm zeigte, daß der Mensch nicht aus Gesetzeswerken, sondern aus Glauben leben würde, während ein Mönch namens Johannes Tetzel mit Ablaßbriefchen gleichen Anspruchs sein Unwesen trieb. 

    Nun wird man einwenden, daß das Zehntengeben nichts mit der Errettung zu tun habe. Das ist töricht, und es zeigt, daß man die Bibel nicht richtig gelesen hat. Es ist nämlich nicht nur ein Trugschluß, sondern auch eine grobe Schwärmerei zu glauben, daß die im Neuen Bund geoffenbarte Gerechtigkeit, die eine Gerechtigkeit aus Gnade ist und nicht aus Werken, am Leben vorbeiginge. Wenn die Heilige Schrift sagt, daß der Gerechte aus Glauben leben wird, und eben gerade nicht aus Werken, dann ist es offenkundig, daß dieses Leben aus Glauben auch unsere Versorgung mit einschließt. Der Zehnte jedoch ist nicht aus Glauben, sondern aus Werken, denn er belohnt ja die, die gezehntet haben, mit irdischem Gewinn, was also immer die entsprechende Vorleistung voraussetzt. Die Gnade jedoch ist frei, weil Jesus sie uns erworben hat; hier genügt es aufs Vollständigste, zuerst nach Seinem Reich zu trachten, damit Er und auf diesem Wege alles andere hinzufügen kann, wie Er verheißen hat. Sein Reich hat nun jedoch nichts zu tun mit einer kirchlichen Struktur, die es zu errichten gelte. Sein Reich ist Ausdruck dessen, daß Er König ist und uns in allem etwas zu sagen hat. Spätestens dann, wir von einer zu erbringenden Leistung hören, um aufgrund einer solchen Leistung einen Segen zu erlangen, sollten unter uns, so wir denn wirklich ernsthafte Bibelleser sind, sämtliche Alarmglocken läuten. Wie viele Menschen sollen noch andere Menschen irreführen dürfen, nur weil sie ganz offensichtlich ihre Bibel – hier sind nicht einzelne, besonders ausgewählte und in den Vordergrund gerückte „Bibelstellen” gemeint, sondern das Wort Gottes in seinem Zusammenhang – nicht gelesen haben!

    Das Ganze habe doch nichts mit dem zu tun, was Tetzel tat, hat man uns gesagt? Wirklich nicht? Dann sollten wir uns einmal mit seinen Handlungen näher befassen; wir müssen allerdings die Zeit und das geistliche Umfeld begreifen, in dem er, ein Dominikanermönch (1465 - 1519), lebte und wirkte. Im Auftrag Albrecht II., des damaligen Markgrafen von Brandenburg, zog er mit seinem Karren umher und bot darauf lautstark Ablässe aller Art feil – nach einem festen Katalog. „Kosteten” ein Kirchenraub oder ein Meineid 9 Dukaten, so war ein begangener Mord immerhin noch 8 Dukaten „wert”, um sich daraus Ablaß von der zu erwartenden Sündenstrafe zu erwirken. Der Erfindungsreichtum kannte keine Grenzen; auch für Sünden bereits Verstorbener und sogar für die eigenen, zukünftigen, ließ sich so Ablaß „erwirken”. Ursprünglich hatte man die aus dieser Praxis heraus zusammenkommenden Gelder noch dazu verwendet, um der Kirche einen „Schatz” zu erwerben, aus dem sie den Armen etwas geben könnte. Hier aber wurde selbst dieser Vorsatz aufgegeben. Denn Albrecht selbst war wiederum von Papst Leo X. damit beauftragt worden, den so genannten Petersablaß zu vertreiben, den dessen Vorgänger, Julius II., 1507 ins Leben gerufen hatte; man errichtete seit 1505 den alle Maße sprengenden Petersdom in Rom, welcher noch immer Unsummen verschlang.

    Doch damit nicht genug; Albrecht hatte auch mehrere Ämter auf sich gehäuft, so daß er schon 1513, mit dreiundzwanzig Jahren, Bischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt wurde, wenig später auch Erzbischof von Mainz (1515). Dies war eigentlich untersagt; doch gegen die Zahlung einer erklecklichen Geldsumme hatte die damalige Kirche, die viel Geld brauchte, nichts einzuwenden. Die für diese Zeit schier unvorstellbare Summe von 29000 Gulden war hierzu an die Kurie in Rom zu entrichten. Der Markgraf lieh sich das benötigte Geld bei den Fuggern, der reichsten Kaufmannsgilde jener Zeit, bei denen er daraufhin tief in der Kreide stand. Die aus den Ablässen zu erwartenden Einnahmen sollten nun zur Hälfte nach Rom gehen, und die andere Hälfte, immerhin 36000 Gulden, sollte Albrecht einbehalten dürfen, um daraus seine Schulden zu begleichen. Gut und Geld, Macht und Pfründe sowie die Errichtung Eindruck heischender, repräsentativer Bauten waren also der eigentliche Hintergrund des Ablaßhandels. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt”, das waren jene Worte, mit denen Tetzel schon sprichwörtlich in die Geschichte eingegangen ist. Und das war in der Tat ein gigantischer Betrug, ja ein Verbrechen an Menschenseelen, der auch Luther auf den Plan rief, weil er als Beichtvater und Seelsorger in Wittenberg zusehen mußte, wie die Menschen nicht mehr zu ihm in die Beichte kamen, um ihre Sünden vor Gott auszuräumen, sondern im Brandenburgischen bei Tetzel Ablaßbriefe kauften.

    Was stand am Anfang dieser Praktiken? Es waren die Errichtung demonstrativer Prachtbauten und die Ämterhäufung Albrechts II., die hier zu nennen sind. Und was steht am Anfang der heutigen Praxis des Einforderns von Zehntgaben und so genannten „Opfern”? Nun, es ist wiederum die Errichtung äußerlicher Bauten und Strukturen, um die es hier zumeist geht; hinzu kommt auch hier das Aushalten der Sonderstellung derer, die ein über alle anderen herausgehobenes „geistliches Amt” zu bekleiden vorgeben. Oft genug hat man sich um dieser Dinge willen verschuldet, wie die damalige Kirche auch; da muß man fordern, muß man pressen, um die benötigten Gelder zusammen zu bekommen und um vor allem den Druck der Banken wieder loszuwerden, den man sich mit ehrgeizigen Projekten vielfach selbst aufgeladen hat. Wo steht etwa geschrieben, daß wir solches tun sollen? Hat Gott uns jemals gesagt, daß für Seine Gemeinde die Repräsentation im Sichtbaren wichtig sei? Hat Er uns vielleicht geboten, daß wir uns bei der Welt verschulden und damit mit ihr einen Bund eingehen sollen? Nein, nicht wahr (vgl. 2Kor 6. 14 – 7. 1)? Also war es ein Anderer, der uns hier, da wir schliefen, ganz offensichtlich etwas untergeschoben hat? Dann sollten wir uns schnellstens korrigieren lassen; diese Dinge spielen vor Gott nämlich nicht die Rolle, die ihnen hier zugedacht wird, denn „des Königs Tochter ist ganz herrlich in ihrem Inneren (Ps 45. 15, vgl. auch Lk 11. 41, Rö 2. 29 u. a.). Meinen wir wirklich, daß Gott auf die Pracht äußerer Bauten, auf moderne Beton- und Glaspaläste nach den Maßstäben dieser Welt angewiesen sei, um Menschen in Sein Reich zu ziehen? Dann irren wir sehr; denn...

    ...das Königreich Gottes kommt nicht, so daß man es durch Aufpassen wahrnehmen könnte (Luther: mit äußerlichen Gebärden); noch wird man es ansagen: siehe hier! oder: siehe dort! - Denn siehe, das Königreich Gottes ist in eurem Inneren.

Lk 19. 20 - 21

    Wohl mögen wir Menschen anziehen, aber in Sein Reich kommen sie auf diesem Wege nicht; wohin wir sie bestenfalls bringen, ist ein Reich religiös verbrämter Menschenherrlichkeit, das wir bislang für das Seine gehalten haben.

    Und so wird wohl kaum jemand den Weg finden, der uns gezeigt ist, solange wir ihn selbst nicht zu gehen bereit sind. Niemals! Wie könnten wir denn Menschen auf einem Weg zu gewinnen suchen, den Gott uns nicht gewiesen hat? Warum erwarten wir eigentlich von Gott, mit Dingen zusammenzuwirken, die Seinem Willen konträr entgegenstehen? Ist es nicht vor allem deshalb, weil wir vielfach falsch belehrt worden sind? Denn... 

    ...alles in der Welt, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und die Hoffart der Lebensweise (ist) nicht vom Vater, sondern von der Welt... Und die Welt samt ihrer Begierde geht vorüber. Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt für den Äon. 

1Jo 2. 16 – 17

    Was also ist demnach nicht der Wille Gottes? Ist es nicht das Bedienen der Augenlust, das Gott nicht haben will? Die hoffärtige Lebensweise, die Er ebenso ablehnt? Meinen wir also immer noch, daß Gott Sich einer Sache bedient, die Er eigentlich ausgeschlossen hat? Als die Jünger den Herrn Jesus auf den äußerlichen Tempel hinwiesen und sagten: „Siehe, diese Bauten...”, da mußte der Herr dies richtigstellen und ihnen sagen, daß nicht ein Stein auf dem andern bleiben werde; das alles ist dem Untergang geweiht (Mt 24. 1 – 2, Mk 13. 1 - 2)! Noch immer gilt, daß das, was bei den Menschen, im Äußerlichen also groß und gewaltig ist, das ist ein Greuel vor Gott”, wie der Herr dies ausdrücklich im Zusammenhang mit der Geldgier der Pharisäer anführt (Lk 16. 13 - 15). Und so bleibt nur hinzuzufügen, was Jesaja schrieb:

    Wer hat dem geglaubt, was uns verkündigt ward, und der Arm des Herrn, wem ward er offenbart? Er wuchs auf vor ihm wie ein Sproß, wie ein Wurzelsproß aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; wir sahen ihn, – aber sein Angesicht gefiel uns nicht. Verachtet war er und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut; wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt, so verachtet war er, und wir achtetet seiner nicht.

Jes 53. 1 – 3, Schlachter

    Es ist also an der Zeit, Geschwister, daß wir „den highway” des uns heute so reichlich dargebotenen anderen Evangeliums verlassen, um den niedrigen Weg – Seinen Weg – zu suchen!

    Was sagt das Wort Gottes über jene, die so sehr auf das äußerlich Sichtbare hinweisen?

    Verlaßt euch nicht auf trügerische Worte wie diese: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist dies!

Jer 7. 4

    Schon im alten Israel war es ein Problem, daß das Volk die Offenbarung Gottes verließ, die ihm gegeben war, um – statt dessen – auf den Höhen zu räuchern. Nun, der Gott der Höhen war Jahwe nicht; es waren die Baalim und die Ascheren, die Götter der Fruchtbarkeit und des Erfolges, zu denen man hinaufzog und denen man dort huldigte. Der Weg der Überhebung und der Selbsterwählung ist noch nie der Weg Gottes gewesen; er ist der Weg der Nationen, der Finsternis und der Mächte, die in dieser Finsternis ihre Herrschaft ausüben. Räucherst Du etwa auf den Höhen? Opferst Du jenen, die man dort oben verehrt? Oder bringst Du dem Herrn ein falsches Feuer dar, das Er nicht geboten hat (vgl. 3Mo 10. 1 - 7)? Dann wirf deine „Räucherpfanne weit von Dir, denn das Gericht wird nicht verziehen; kehre also um, solange es noch Zeit ist!

    Hören wir doch, was der Herr Seinem Volk zu sagen hat:

    „So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo wäre denn das Haus, das ihr mir bauen könntet, und wo denn der Ort meines Ruhesitzes? Hat doch meine Hand dies alles gemacht, und alles dies ist geworden, spricht der Herr. Aber auf den will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist und der da zittert vor meinem Wort.

    Der Demütige, der, der auf Ihn wartet, der, der in Ehrfurcht Sein Wort empfängt, das ist der, den Gott haben will. Was aber hält der Herr von all den Opfern, die Er nicht geboten hat? Hören wir also weiter:

    „Wer ein Rind schlachtet, ist (wie) einer, der einen Menschen erschlägt; wer ein Schaf opfert, ist (wie) einer, der einem Hund das Genick bricht; wer Speisopfer opfert: es ist Schweineblut; wer Weihrauch als Gedächtnisopfer darbringt, ist (wie) [6] einer, der Unheil segnet (eigentlich: zaubert). Wie diese alle ihre eigenen Wege erwählt haben, und ihre Seele an ihren Scheusalen Gefallen hat, so werde (auch) ich ihre Mißhandlungen für sie wählen, und über sie bringen, wovor ihnen graut; weil ich gerufen habe und niemand geantwortet hat, (weil) ich geredet und sie nicht gehört haben, sondern getan haben, was böse ist in meinen Augen, und das erwählt haben, woran ich keinen Gefallen habe!”

(Jes 66. 1 – 4, rev. Elberfelder)

    Doch für den, der auf Seinem Wege ist und den Spott jener zu ertragen hat, die die Höhen so sehr lieben, denen ruft er im fünften Vers ein Trostwort zu:

    Hört das Wort des Herrn, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen um meines Namens willen: Der HERR erweise sich herrlich, daß wir eure Feinde sehen können! Aber sie werden zuschanden werden! Schall eines Getöses von der Stadt her! Schall aus dem Tempel! Schall vom Herrn, der Vergeltung übt an seinen Feinden!

    Unser Gott kommt zu den Seinen; Er verzieht nicht!

    Hinaus also aus dem Reich des Stolzes, hinein in das der Demut! Wollen wir wirklich Ihm nachfolgen? Dann ist es an uns, aus der Herrlichkeit und Wesenhaftigkeit dieser Welt auszugehen, um gemeinsam mit Ihm Seine Schmach zu tragen (Hbr 13. 12 – 14). Dann müssen wir die geldverschlingenden Glaspaläste dahintenlassen wie jede andere menschliche Überhebung auch, wollen wir wirklich in Seine Fußtapfen treten. Dann werden wir ebenfalls nicht umhin können, damit aufzuhören, uns als vermeintliche „Leiterschaft” über andere gesetzt zu wähnen, sondern vielmehr damit beginnen, jeden Bruder und jede Schwester höher zu achten als uns selbst (Phil 2. 3). Denn darin liegt die tiefe und eigentliche Bedeutung dessen, was es heißt, sich in wahrer Demut einander, d. h. ein jeder unter einen jeden anderen unterzuordnen, je nachdem, in wessen Beziehung Gott uns gesetzt und mit wem Er uns zusammengefügt hat (1Ptr 5. 5). Dann müssen wir ganz selbstverständlich auch das ach so breite Tor wieder schließen, das wir in Erwartung vorgeblich „hereinströmender Menschenmassen” nur allzu fürsorglich eröffnet haben, und müssen statt dessen auf die enge Pforte und den schmalen Weg setzen, die allein ins Leben führen – und vor allen Dingen selbst diesen Weg gehen, den nur wenige zu finden bereit sind (Mt 7. 13 – 14, Lk 13. 22 – 30, 14. 25 – 27). Die großen Volksaufläufe, die heute so „in” sind und die alle so sehr begehren – der Wille des Herrn sind sie nicht; Er ist den Massen stets ausgewichen, wo auch immer Ihm dies möglich war. Und so braucht es nicht das viele Geld, um Gott zu gehorchen; es braucht keine gewaltigen Hallen und keine große Paläste; es braucht vielmehr unseren Gehorsam gegenüber dem, was Er gesagt hat, und damit der Liebe gegenüber dem Bruder und der Schwester. Begreife dies, und dann siehe, wie Gott auch Dein Leben neu macht und lebenswert. –Heute, so ihr Seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht!”

    Über die Religion der Werke und des Gesetzes, die mit dem hier beschriebenen Tun über die Gnade und den einfachen, schlichten Glauben erhoben worden ist und so den geoffenbarten Weg Gottes immer mehr verdunkelt hat, haben wir weiter oben ausführlich gesprochen. Nein freilich, so ungeschickt ist man heute nicht mehr, daß man sagt, daß die Seele errettet werde, wenn nur der gezahlte Obolus stimmt. Dazu weiß man einfach zu viel, als daß man annehmen könnte, daß solche Dinge unter dem Volk” verfangen könnten. Heute ist man schlauer, wenn sich auch am System nichts geändert hat. Das System Tetzel ist in der Tat wieder sehr modern. Allerdings behauptet man jetzt, Reichtum und Wohlstand kämen aus dem Himmel, so daß wir keinen Mangel leiden würden, wenn wir nur fleißig genug „in die Gemeinde” gäben! Heute klingt der alte Kasten wieder; zwar springt nicht mehr die Seele in den Himmel, dafür aber der Geldsegen ins Portemonnaie. Mit der Wahrheit aber hat all dies nichts zu tun. „Dir geschieht das und das, wenn Du das und das tust, und Dir geschieht das und jenes nicht, wenn Du dies und jenes nicht tust”, sagt man. So steht wieder das eigene Werk am Anfang; auch hier soll man sich eine bestimmte Gnade selbst erwirken; Gott werde jeden Mangel und jede Armut von uns weichen lassen (d. h. davon „ab-lassen”), wenn wir nur das vom „Prediger” Verlangte täten – und endlich zahlten! Auch hört man erst dann damit auf, Kinder Gottes auszugrenzen und zu bedrücken, die eigentlich nicht in der Lage sind, das hier Geforderte zu entrichten, wenn sie „ihren” Zehnten endlich beglichen und so dem ausgeübten Druck nachgegeben haben. Woher sie diese Gelder nehmen sollen, ist dann nicht mehr allzu interessant, solange nur die (Gemeinde-)Kasse stimmt.

    Und das, meine lieben Geschwister, ist gleichfalls Ablaßhandel, und zwar Ablaßhandel der übelsten Sorte. Doch damit nicht genug; wer immer dies tut, der spielt mit dem Leben unseres Nächsten, läßt ihn unversorgt zurückbleiben und beraubt ihn obendrein, ihn, dem wir eigentlich zu dienen und dessen Mangel wir aufzuhelfen haben, weil kein Anderer als Gott Selbst uns in dessen Zusammenhang hineingestellt hat (vgl. Lk 10. 25 – 37). Dieses Gebaren ist in höchstem Maße lieblos, gleichermaßen menschenverachtend wie kriminell – sogar vor den Augen der Welt, die sich über solche Dinge schier das Maul zerfetzt. Hier leider zu Recht. Denn wer immer mit solchen Dingen umgeht, der macht sich in grober Weise schuldig, der sündigt schwer an dem Bruder und der Schwester; haßt er doch seinen Nächsten, d. h. er läßt ihn ins Hintertreffen geraten und setzt ihn zurück, wie das griechische Wort für hassen (miséo) ausdrückt; so geht er geradewegs in die Finsternis, da er nun nicht mehr weiß, wohin er geht (1Jo 2. 8 – 11). Damit aber befindet er sich selbst bereits im Gericht; mag er wohl noch Erfolge im Sichtbaren vorzuweisen haben – das Ergebnis solchen Tuns wird eines Tages doch eintreffen und wird auch ihn nicht verfehlen. „Irret euch nicht: Gott läßt sich nicht spotten; denn was auch ein Mensch sät, das wird er auch ernten” – hier und genau hier besitzt es seine volle Gültigkeit (Ga 6. 7). Sollten wir da nicht endlich diese Sünde – als solche – beim Namen nennen, davon lassen und zu Gott umkehren?!


Mythen und Fakten über die Zehntenlehre

    Was wird heute nicht alles getrieben, gelehrt und gesagt, damit man doch endlich das Geld der Geschwister in die entsprechenden Töpfe bekommt! Mit solchen Behauptungen, die sozusagen schon zum „Standerdrepertoire” derer gehören, die den Zehntendienst so überaus hochhalten, wollen wir uns im Folgenden beschäftigen.

Behauptung:

    „Ich habe mit meinem Zeugnis nur Maleachi 3. 10 bestätigt, wo Gott selber sagt, dass wir ihn prüfen sollen, ob Er uns nicht segnen wird, wenn wir nach seinen Richtlinien geben. Ich habe es geprüft und es wurde immer bestätigt”, schrieb ein Bruder in einem Forum. Ähnliches begegnete mir oft auch in einschlägigen Gesprächen.

Richtigstellung:

    In solchen
Zeugnissen” finden wir das Wesen des Gesetzes wieder, welches nicht mit Gnade, sondern mit Lohn umgeht. Die Gnade im Neuen Bund bedarf keiner Vorleistung, außer sich mit ihr einzulassen. Leider ist es eben nicht so, daß ein solches Zeugnis für alle „treuen Zehntengeber” (die als Grundlage ihrer Versorgung geben) nach dem hier beschriebenen Muster Bestand hätte. Die meisten, die ich von ihnen kenne, sind aus der Armut nie herausgekommen. Da ist viel Not vorhanden. Da ist nichts von einem Sieg”, da kann auch nichts von einem solchen Sieg sein, weil man sich mit solchen Vorstellungen jenseits der Ordnungen Gottes befindet, die für uns gelten. Statt ihnen zu geben, wessen sie bedürfen, nimmt man noch, indem man sagt, daß sie an ihrer Armut selber schuld seien, da sie nicht reichlich genug gegeben hätten. Das ist ein Verbrechen und auch der Heiligen Schrift völlig zuwider. Auch steht das Geben um Lohnes willen dem Wesen der Liebe entgegen, da die Liebe nicht das Ihre sucht (1Kor 13. 5). Wir sagen nicht, daß Gott nicht auch ein Belohner wäre. Geben an sich aber muß allein aus Liebe geschehen; es darf die Rechte nichts davon erfahren, was die Linke getan hat.


Behauptung:

    1. Kor 9. 13-14 sei eine Stelle, die auf den Zehnten weise. Das Wort „Zehnter” würde hier zwar nicht erwähnt, aber dennoch habe Paulus ihn im Sinn gehabt, als er diese Sätze schrieb.

Richtigstellung:

    Wir wollen diese Stelle lesen.

    Wisst ihr nicht, daß die, welche die heiligen Dienste tun, aus dem Tempel essen, daß die, welche am Altar tätig sind, Anteil am Altar haben? So hat auch der Herr denen, die das Evangelium verkündigen, verordnet, vom Evangelium zu leben.

    Wo schreibt Paulus hier etwas über den Zehnten? Auch wenn Paulus Bestandteile des Gesetzes aufnimmt, geht es hier doch nicht mehr um den Levitendienst des Alten Bundes, sondern zunächst einmal um die Versorgung derer, die das Evangelium verkündigen. Das Erheben eines Zehnten ist dazu weder notwendig, noch hat Gott dies im Zusammenhang des Evangeliums geboten. Der Zehnte wird darum weder hier noch anderswo in diesem Kontext erwähnt; wenn das alttestamentliche Zehntengebot für die Gemeinde so wichtig wäre, hätte Paulus es etwa unterlassen, dies auch namentlich anzuführen? Wohl kaum! Aber es kommt noch viel dicker. Man sollte den Text nämlich einmal von dort ausgehend lesen, wo er anfängt, d. h. vom ersten Vers an. Besonders Vers 12 hat es in sich; auch scheue man sich nicht, das ganze Kapitel zu Ende zu lesen, um alle seine Aussagen aufzunehmen und miteinander abzuwägen. Nur aus dieser Perspektive vermag sich dann auch die Gesamtaussage dieses selben Kapitels zu erschließen, nach der Paulus zwar erwähnt, daß er diese Vollmacht zwar habe, davon aber (im Gegensatz zu „den Vielen”) keinen Gebrauch mache – und warum?

    Damit er dem Evangelium des Christus kein Hindernis gäbe (1Kor 9. 12).

    Aus der griechischen Wortbedeutung ergibt sich jedoch weit mehr: Alle die nämlich, die auf dieser Vollmacht bestehen, sind dem Evangelium nicht nur hinderlich, sondern werden damit auch zu solchen, die es geradezu unwirksam machen, wörtlich: es mit der Axt heraushauen (d. h. roden), wie das Wort egkope eigentlich zu übersetzen ist. Paulus arbeitete mit seinen Händen, um niemandem zur Last zu sein; er verlangte von niemandem Silber oder Gold für sich selbst, und war gerade darin den Christen seiner Zeit ein Vorbild.

    Daß wir dem Bruder, der am Wort dient, dennoch Anteil an unseren irdischen Gütern gewähren sollen, bleibt davon unbenommen und sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Nur brauchen wir dazu Maleachis Zehnten nicht. Der gehört nämlich nicht in den Neuen Bund.


Behauptung:

    „Ein paar Gründe, warum Gott den Zehnten geboten habe:
1) Der Zehnte sei ein gutes Mittel gegen die Habsucht und diene damit dem damit Töten unseres Fleisches.
2) Die Lösung jedes finanziellen Problems, wozu es unzählige Zeugnisse gäbe.
3) Der Zehnte diene der Prüfung unseres Glaubens.”

Richtigstellung:

    Zum Töten des Fleisches ist uns nicht das Tun eigener Werke, sondern das Kreuz gegeben. Es heißt ja:

Die dem Christus angehören, die kreuzigen das Fleisch samt den Lüsten und Begierden.
(Ga 5. 24).

    Man lese dazu einmal nach, was Paulus alles unter dem Begriff „Kreuz” schreibt, soweit das sein persönliches Kreuz betrifft, das er zu tragen hat. Hier steht „kreuzigen und eben nicht: die „opfern oder „zehnten ihr Fleisch weg, damit endlich auch die eigene Habsucht geringer werde. Die Zehntenlehre richtet das eigene Fleisch vielmehr auf, da es meint, einen Grund zum Rühmen zu haben, wie aus solchen „Zeugnissen ja zweifelsfrei hervorgeht (siehe auch Mt 23, 20ff, Lk 18. 9 - 14!!). Und genau aus diesem Grunde nährt sie den eigenen Stolz und ist allein daher schon zum Niederhalten des Fleisches im Tode Jesu denkbar ungeeignet. Paulus rühmt sich keiner Sache als nur des Kreuzes, durch das er der Welt gekreuzigt ist und ihm die Welt (Ga 6. 14f). Wir sehen ihn nirgendwo sich dessen rühmen, wie einträglich für ihn sein Geben sei.

    Zum Bekämpfen der Habsucht reicht Freigiebigkeit, so es jemandem gegeben ist. Einen Zehntendienst brauchen wir dazu nicht, noch hätte er die Kraft, von Geiz zu befreien, was im Griechischen dasselbe Wort wie Habsucht ist (pleonexía=mehr-haben-wollen), woraus hervorgeht, daß Geiz nichts anderes als eine Form der Habsucht ist, welche ist Götzendienst, der von der Himmelsherrschaft ausschließt, wonach der Zorn Gottes über solche „Söhne der Widerspenstigkeit
kommt (Eph 4. 3 - 6). Die Zehntenlehre führt eben gerade nicht von Habsucht weg, sondern bedient sie noch und führt in eben diese Habgier hinein, da sie einen Ertrag des eigenen „Gebens” in Aussicht stellt und damit das natürlich-animalische Begehren des alten, gefallen Menschen befördert. Hier wird das Wort Jesu, daß die Linke beim Geben nicht wissen soll, was die Rechte gegeben hat (Mt 6. 3), in sein Gegenteil verkehrt. Nichts, aber auch gar nichts an solchen Lehren ist wahr.

    Ich habe mehrfach erlebt, wie geizig gerade die „treuesten Zehntengeber” werden können, wenn es um die Nöte ihrer eigenen Geschwister geht. Hier wird „das, was mir von dir zustehen sollte
, zur „Opfergabe” erklärt und die Liebe damit ad absurdum geführt, eine Sünde, die Jesus schon an den Pharisäern gegeißelt hat, die sich mit einem solchen Halten buchstäblicher Vorstellungen von ihrer Verantwortung dem Nächsten gegenüber freizukaufen suchten und gerade darin das Gesetz Gottes auflösten (Mk 7. 9 - 13). Damit verführen solche Lehren geradezu nicht nur zur Habsucht, sondern auch zu Stolz und Pharisäismus; indem der Bruder und die Schwester zugunsten sogenannter „Projekte herabgesetzt werden, was im Neuen Testament der Inhalt von miséo=hassen ist, bewirken diese Elemente Einfallstore des geistlichen Todes, in dessen Wirksamkeit nicht nur jene selbst, sondern auch ihre Opfer geraten (1Jo 3. 13 - 15).

    Die „Lösung finanzieller Probleme” durch Gesetzeswerke ist im Neuen Bund schlicht nicht gegeben, und darum funktioniert sie auch nicht, was auch nicht durch diverse „Vorzeigechristen” in der Sache entkräftet werden kann. Es handelt sich bei dieser Unterstellung um eine faustdicke Lüge, was auch daran ersichtlich wird, daß es kaum eine strukturell organisierte Gemeinde gibt – mir ist keine bekannt –, die den Zehnten lehrt und zugleich ohne finanzielle Probleme da stünde. Die meisten dieser Strukturen sind haushoch verschuldet, nicht nur die Gemeinde an sich, sondern sehr häufig gerade auch deren Mitglieder, was ihre eigenen Lehren wiederum Lügen straft. Sie wollen nicht sehen, daß die von ihnen „angezapfte
Ordnung der Versorgung nach dem Muster Maleachis nicht funktionieren kann, da sie keine Ordnung ist, die für uns bestimmt wäre. Sie bringt uns vielmehr unter die Bezauberung des Gesetzes, weshalb solche Geschwister nicht nur die naheliegenden Gründe ihrer eigenen Notlage, sondern oft auch die einfachsten geistlichen Zusammenhänge nicht mehr erkennen können (Ga 3. 1ff). Und auch zum Prüfen unseres Glaubens brauchen wir die Zehntenlehre nicht. Denn nicht wir sind es, die unseren Glauben prüfen sollen, sondern Gott prüft ihn; und Er prüft ihn nicht durch das Geben des Zehnten, sondern durch allerlei widrige Umstände hindurch. Wer aus eigenem Mangel heraus zehntet, der geht nicht nur an der Versorgung vorbei, die uns gemäß der Wirksamkeit des Neuen Bundes geschenkt wird, sondern der versucht auch Gott in höchstem Maße. Und das ist nicht etwas, was wir tun sollten, da dies Seinen Unwillen und damit Seinen Zorn zur Folge hat.

Behauptung:

    „Auch Jakob habe Gott den Zehnten gegeben. Das wäre eine andere Stelle, die beweise, daß der Zehnte schon vor dem Gesetz da gewesen sei.”

Richtigstellung:

    Das ist aus wenigstens zwei Gründen falsch. Der erste besteht schon einmal darin, daß es zur Zeit Jakobs niemanden gab, der einen Zehnten hätte entgegennehmen können. Es gab nämlich noch keinen Levitendienst, dem ein geistlicher Dienst zugeordnet gewesen wäre, in den die Zehnten hinein zu geben gewesen wären. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da Israel als Volk noch keinen Bestand in dem ihm verheißenen Lande hatte. Der zweite Grund besteht schlicht und ergreifend darin, daß es sich dabei um eine freiwilliges Gelübde des „hinterlistigen” Jakob gehandelt hat, das darin bestand, sich seine Ankunft und Wohlfahrt in dem verheißenen Land bei Gott zu erkaufen. Wir erkennen allerdings nirgendwo, daß Gott Sich auf einen solchen „Kuhhandel” eingelassen hätte. Gott erfüllt Seine Verheißungen, aber nicht alle unsere Wünsche.

Behauptung:

    „Das Gebot des Zehnten habe es bereits vor der Gesetzgebung am Sinai gegeben.”

Richtigstellung:

    Als ich den Schreiber dieses Satzes darum bat, mir doch Kapitel, Vers und Zusammenhang eines solchen Zehntengebotes außerhalb des Gesetzes und des Israel verheißenen Landes zu nennen, mußte er passen. Nach tagelangem eigenem Suchen rückte er endlich damit heraus, daß er sich „wahrscheinlich verschrieben” habe, und mußte eingestehen, daß es vor der Gesetzgebung am Sinai, das heißt außerhalb des Gesetzes, dann wohl doch kein Gebot eines Zehnten gegeben hat. So in Verlegenheit gebracht, drehte er die Angelegenheit schließlich so hin, daß der Zehnte jedoch bereits vor der Gesetzgebung (im Falle Abraham) „eine Rolle gespielt” habe und dann „nochmals im Hebräerbrief aufgegriffen” werde. Man muß sich nun jedoch für eines entscheiden: Gehört der Zehnte dann nicht doch wieder zum Gesetz? Stehen wir nun unter dem Gesetz oder nicht? Die Antwort kennt der, der seine Bibel, insbesondere den Galaterbrief, dazu sorgsam gelesen hat. Wenn Gott jedenfalls außerhalb des Gesetzes keinen Zehnten geboten hat, dann ist es in höchstem Maße fragwürdig, daß heute jene Zehntenlehrer daherkommen und uns den Zehnten als einen angeblich außerhalb des Gesetzes bestehenden verkaufen wollen. Beides zugleich haben zu wollen, ist nach der Schrift nicht möglich.

    Welche Rolle der Zehnte in all diesen Stellen wirklich gespielt hat und welche er vor allem im Hebräerbrief spielt, damit werden wir uns im folgenden Kapitel auseinanderzusetzen haben. Aus all diesen Stellen läßt sich nämlich kein Gebot ablesen, daß der Zehnte heute noch zu entrichten sei.


Fleischernes Gebot oder himmlische Erwartung?

    Auch der Hebräerbrief spricht von der Einforderung und Leistung der Zehntengaben ganz klar und unzweideutig als von einer Forderung des Gesetzes (Hbr 7. 5). Damit sind wir bei der zweiten wichtigen Schlüsselstelle angelangt, die im Zuge vielfach verbreiteter Irrlehren ganz offensichtlich dazu mißbraucht wird, heutige Zehntenforderungen zu untermauern und ihnen somit eine Basis zu geben. Dabei wird, ausgehend von den Tatsachen, daß Christus der Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks ist, und Melchisedek von Abraham einen Zehnten erhalten hatte, dieses Geschehen als feststehende Ordnung auf die Gemeinde des Neuen Bundes übertragen, mit der Begründung, daß Christus als Hohepriester und Haupt dieser Gemeinde – dem Melchisedek entsprechend – ebenfalls den Zehnten entgegennähme, da Er wie jener „weder Anfang noch Ende” habe (vgl. Hbr 7. 3).

    Dies stellt jedoch eine Lehrverirrung gröbsten Ausmaßes dar, und offenbart den untauglichen Versuch, vor dem arglosen Publikum auch nur den Schimmer eines Verdachts, daß man sich mit der Zehntenforderung auf der Ebene des alttestamentlichen Gesetzes bewege, weit von sich zu weisen. Genau das, was man leugnen will, ist hier nämlich der Fall – wird das Gesetz durch die Hintertür theologischer Winkelzüge doch wieder eingeführt. Auch hier zeigt sich, daß man den Zusammenhang weder genau gelesen, noch untersucht oder jemals auch nur im Ansatz erfaßt hat. Man übergeht hierbei nämlich eindeutig die Tatsache, daß in Abrahams Zehnten, gewissermaßen vorausschauend, der Stamm Levi – der Priesterstamm des alttestamentlichen Bundesvolkes nämlich – verzehntet worden ist, der eben gerade nicht zu der Ordnung Melchisedeks, dem Priestertum des Neuen Bundes gehörte, sondern zu der Ordnung Aarons, die das Priestertum in der Ordnung des Alten Bundes, nämlich das Gesetz darstellte. Und ausgerechnet über Jesus wird gesagt, daß Er Hohepriester...

    ...nicht nach dem Gesetz eines fleischernen Gebotes geworden ist, sondern nach der Kraft unauflöslichen Lebens.

Hbr 7. 16

    Und aus eben diesem Grunde kann Er heute nicht der Mittler eines Zehnten sein, der nachgewiesenermaßen nicht in den Bereich dieses unauflöslichen Lebens gehört.

    So wird nun der, der die Zehntforderung des Alten Bundes wieder einführt, zugleich nichts anderes tun als diesen Levitendienst, der doch den Dienst des Gesetzes darstellt, von Neuem einzuführen; damit aber richtet er eben dieses Gesetz wieder auf, zu dem dieser Dienst seinem Wesen nach gehört, und versklavt seine Zuhörer wiederum unter jene Elemente, denen sie gerade erst entronnen waren, um mit Paulus zu sprechen; das aber waren jene, „die von Natur gar keine Götter sind” (Ga 4. 8 – 18). Damit wird ausgesagt, daß der, der sich einem solchen Gesetzesdienst unterordnet, sich damit in die Gefangenschaft derselben Mächte begibt, von denen ihn Christus vordem frei gemacht hat; Paulus bezeichnet diesen Dienst, der den Elementen dieser Welt, dem Irdischen also dargebracht wird, demnach als Götzen- bzw. Dämonendienst, der von dem Dienst und der Gemeinschaft Gottes ausschließt (1Kor 10. 18 – 22, Kol 2. 8). Die Decke, die einst in Christus abgetan worden ist, wird somit wieder vor die Augen des Betrachters gezogen, und blind muß der nun werden, der einer solchen Verkündigung Folge leistet (2Kor 3. 12 – 16).

    Da geht es mit ihm dann allerdings erneut in die Dunkelheit, in ein „Nebelchristentum” hinein, wie die Alten so treffend zu sagen pflegten. Da wird aus dem Mündigen ein Unmündiger, aus dem Freien ein Unfreier – bindet er sich doch an jene Vormünder und Verwalter, deren Dienst, den diese aufgerichtet haben, er nun auf ihr Gebot hin aushalten soll (Ga 4. 1 – 3). Doch ist das Ganze weitaus dramatischer und gefährlicher, was sein ganzes Leben betrifft; er wird eben nicht „nur” blind und unfrei, sondern gerät vielmehr in den Bereich geistlichen Todes, da er den Bereich unseres Hohenpriesters, den Bereich des unauflöslichen Lebens also verläßt, weil er ein Gebot erfüllen will, das der Hebräerbrief „fleischern” nennt und, da es ein irdisches ist, als nicht diesem Bereich zugehörig darstellt. Und so wird in Wahrheit der, der so dient, sich selbst vom Leben Gottes ausschließen. Hier steht also, bildlich gesehen, ein Schild, auf dem geschrieben steht: „Halt! Vorsicht! Lebensgefahr!” Hier gilt gewiß das Wort: „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um!” Denn nicht umsonst nennt Paulus den Dienst des Gesetzes in dem Zusammenhang den Dienst des Todes (2Kor 3. 7); und hören wir doch einmal, was ein wenig später der Hebräerbrief sagt: 

    Laßt euch nicht von mancherlei und fremden Lehren wegtragen; denn es ist trefflich, das Herz in der Gnade stetig zu machen, nicht durch Speisen, mit denen den darin Wandelnden nicht genützt werden kann. Wir haben einen Altar, von dem zu essen die keine Vollmacht haben, die dem Stiftszelt Gottesdienst darbringen!

Hbr 13. 9 – 10

    Bei dem Altar, von dem wir essen sollen, geht es allerdings um die geistliche und nicht mehr um die irdische, die „fleischerne” Speise; denn wer die irdische sucht, der verwirkt damit seine Vollmacht an der geistlichen. Wer also in dieser Weise zehntet, der gibt sein Erstgeburtsrecht weg, das er bei Gott hat (siehe Hbr 12. 23), gleichwie Esau, der sein väterliches Erstgeburtsrecht verkaufte um einer Speise willen (Hbr 12. 16 – 17). Und daß es beim Zehntengebot um Speise, um die irdische Art der Versorgung also geht, das wird schnell offensichtlich, wenn wir nur ein ganz klein wenig nachdenken, nachdem wir aufmerksam unsere Bibel gelesen haben. So sollte bei Maleachi der Zehnte „ganz” dargebracht werden,...

    „auf daß Speise in Meinem Hause sei” (Mal 3. 10, Schlachter) –

    Speise für die Bedürftigen, aber Speise vor allem für die Leviten, denen der Tempeldienst oblag und die deshalb keinen eigenen Anteil am Boden Israels hatten. Ihnen den Zehnten, d. h. Speise zu geben, war gleichbedeutend damit, den Dienst des Alten Bundes, den sie verrichteten, immer weiter aufrechtzuerhalten, seine Fortsetzung zu ermöglichen. Und um diesen ihren Gesetzesdienst zu kennzeichnen, gebraucht nun der Hebräerbrief das Wort „fleischern”.

    Dieses Wort lautet im Griechischen sarkinon und ist wörtlich mit aus Fleisch bestehend” zu übersetzen, was zum einen auf die zahlreichen, aus Fleisch bestehenden Opfer des Alten Bundes hinweist, zum anderen aber auch darauf, daß mit diesem Opferdienst auch den irdischen Bedürfnissen der ihn ausübenden Priesterschaft, der Speise zu dienen war. Eben dieses „fleischerne Gebot”, auf das der Schreiber des Hebräerbriefes sich hier bezieht, beinhaltete ja gerade auch den Zehnten nach dem Gesetz, von dem er am Beginn dieser Erläuterung ausging (Hbr 7. 5). Denn mit Blick auf diesen Zehnten (Verse 6 - 9) ist ja Levi, der den alttestamentlichen Priesterdienst ausübende Stamm, verzehntet worden, was den Schreiber des Hebräerbriefes ja erst dazu veranlaßt hatte, auf das Gesetz mit seinem ständig wiederkehrenden Opferdienst einzugehen  um im Folgenden darzulegen, daß dem Herrn bezeugt wird, daß Er der Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks ist, und aufgrund der darin enthaltenen besseren Erwartung, durch die wir Gott nahen dürfen, das Gesetz aufgrund seiner „Schwachheit und Nutzlosigkeit” fortan abgelehnt (oder aufgehoben) wird, da es nichts vollenden konnte (Hbr 7. 18 - 19). 

    Und der Herr ist nun nicht nach dieser, den irdischen Bedürfnissen dienenden, fleischernen und darum vergänglichen Ordnung Hohepriester geworden, sondern in der Kraft unauflöslichen Lebens, was von dem Gesetz des Alten Bundes keineswegs gesagt werden kann – war Er doch nicht aus dem Stamm Levi hervorgegangen, sondern aus Juda (Kap. 7. 14), und ist doch Sein Priestertum keineswegs eines von der Erde, welches die Zehnten ja erst notwendig gemacht hatte, sondern kommt aus dem Himmel. All diese Zusammenhänge darzulegen, ist der Hebräerbrief unaufhörlich bemüht, indem er – in dem Kontext des hierzu Ausgesagten – seine Leser ständig aus der irdischen Erwartung hinein in die bessere, die himmlische Erwartung bringen will.

    Zunächst erläutert der Schreiber des Briefes uns, daß Gott Sich Abraham gegenüber mit einem Schwur verbürgt habe:

    Denn als Gott dem Abraham Segen verhieß, schwur Er bei Sich Selbst, weil Er keinen Größeren hatte, bei dem Er schwören konnte, und sagte: ... daß Ich dich segnen, ja segnen werde und dich vermehren, ja vermehren werde.

Hbr 6. 13 - 14

    Zunächst entsprach dieser Segen einem Land und einem Volk, das Abraham zu geben Gott geschworen hatte (1Mo 22. 15 - 19; siehe Kap. 12. 1 - 3). Dieses Land war also der Segen jener, die das Volk des Alten Bundes darstellten, während der Hebräerbrief seinen Lesern – den Gläubigen des Neuen Bundes – mehrfach klarzumachen sucht, daß dieses Eingehen in das Land, das für Israel noch so wichtig war, nur ein Abbild für uns ist, die wir in die himmlische Ruhe eingehen sollen (Hbr 3. 6 - 19, 4. 1 - 10). So wie ihr Teil das irdische Reich war (das Land), dem das damit verbundene irdische Heiligtum mit seiner ihm entsprechenden, später als fleischlich und überholt bezeichneten Gesetzgebung entsprach (Hbr 7. 16, 8. 13), so ist unser Teil also der Himmel und dessen Heiligtum – das beständige, unbewegliche Reich, wie dies später genannt werden wird (12. 28).



Vom Segen Abrahams zum Anker der Seele

    Es ist also zwar derselbe Segen, den Abraham bekam; er enthält jedoch zwei Bedeutungen, mit denen wir uns später noch ausführlicher auseinandersetzen werden. Der Segen Abrahams bedeutet für uns, die Gläubigen aus den Nationen, etwas anderes, als für das Volk der Juden, was häufig nicht beachtet wird. Melchisedek (der als Hohepriester eine Verkörperung des Geistes Gottes ist) ist demgemäß bedeutsam für beide Wirklichkeiten, bringt aber für das jüdische Volk einen anderen Segen mit sich als für uns, den Gläubigen aus den Nationen, und ebenso ist auch Jesus für beide Körperschaften – die der Juden einerseits (als König der Juden) und die der Leibgemeinde andererseits (als unser Haupt) in verschiedener Weise bedeutsam. Diese Wahrheit bahnt sich u. a. in dem Wort Jesu an, daß Er „noch andere Schafe” habe, „die nicht aus dieser Hürde sind”, und „auch jene” müsse Er noch hinzuführen, wie Er sagte...

    „...und sie werden Meine Stimme hören und eine Herde und ein Hirte werden.”

Jo 10. 16

    Dieses Wort entspricht auch der Verheißung des Propheten Hosea, daß das Volk, das ein Nicht - Volk sei (Lo-Ammi), zu Seinem Volk (Ammi) werden würde (Hos 1. 9 - 2. 1 - 25). Im Epheserbrief etwa finden wir die Aussage vor, daß in Christus beide – Juden wie Nationen – vereint würden, da „die trennende Mauer der Umfriedung”, (das ist das unerfüllt gebliebene Gesetz) in Ihm, d. h. in Seinem Fleisch, am Kreuz abgetan worden sei, um „die zwei in Sich Selbst zu einer neuen Menschheit zu erschaffen” (siehe Eph 2. 11 - 18). Obwohl ihr in Christus der Weg bereits gebahnt wurde, ist diese endgültige Vereinigung jedoch, wie wir mit offenen Augen anhand des Weltgeschehens unschwer bemerken können, noch nicht vollzogen, sondern steht – als ein heilsgeschichtliches Ziel – noch immer aus, da die Zahl der Nationen noch nicht vollständig ist (Rö 11. 25 - 26). 

    Diese Dinge können auch nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein, da sie deren Rahmen völlig sprengen würden. Hierzu wäre ein gesondertes Bibelstudium notwendig. – Wir könnnen daher nicht einfach Dinge als für uns gegeben aus der Schrift entnehmen, die ganz offenkundig nicht für uns gegeben worden sind. Auf jeden Fall haben wir anzuerkennen, daß Gott mit beiden – sowohl mit Seinem jüdischen Volk, als auch mit denen, die einst ein Nicht-Volk geworden waren, nun aber Mein Volk sind, als den aus den Nationen Gekommenen – jeweils verschiedene Wege geht, und sollten daher auch wissen, wie beide zusammengehören und noch zusammengeführt werden, aber auch voneinander zu unterscheiden sind (vgl. hierzu das ganze Kapitel Rö 11).

    Wie uns in Hebräer 6 nun der folgende 15. Vers versichert, hatte Abraham seine irdische Verheißung bereits erlangt – das Land nämlich, in das er durch Glauben und Gehorsam hinein gekommen war –, „da er so geduldig war”, während die eigentliche, die des Himmels nämlich, noch ausstand, weswegen er in dem verheißenen Land als in einem fremden wohnte und auf die Stadt wartete, ...

    „...die Grundfesten hat, deren Künstler und Baumeister Gott ist.”

Hbr 11. 9 - 10

    Von all den Glaubensleuten des Alten Bundes sagt die Schrift:

    „Und diese alle, obwohl ihnen durch den Glauben Gutes bezeugt wird, trugen die uns angehende Verheißung Gottes nicht davon, um nicht ohne uns vollendet zu werden, weil Er voraus nach etwas Besserem blickt.”

Hbr 11. 39 - 40

    Demgemäß erleben wir in alledem, daß – mit den Lesern des Hebräerbriefes – auch uns klar gemacht wird, daß ihnen die Verheißung noch ausstehe, da für sie „noch eine Sabbatruhe übrig” bliebe, weshalb sie sich befleißigen sollten, „in jenes Feiern einzugehen” (Hbr 4. 6 und 9), wohin Jesus als unser Vorläufer bereits für uns eingegangen ist, indem er als unser Hohepriester die Himmel durchschritten hat (4. 14), auf daß auch...

    „...wir nun mit Freimut zum Thron der Gnade treten (mögen), damit wir Barmherzigkeit erhalten und Gnade finden mögen zu rechtzeitiger Hilfe.”

Hbr 4. 16

    In der Folge des Gesagten wird uns geschildert, daß wir durch diesen Eid Gottes...

    „einen starken Zuspruch hätten, wir, die wir unsere Zuflucht darin nehmen, das vor uns liegende Erwartungsgut zu erfassen, welches wir als Anker der Seele haben, für uns gewiß und auch bestätigt ...”

Hbr 6. 18b - 19

    Wir sollen diesem Eid also entnehmen, daß uns etwas erwartet, worin wir unsere Zuflucht nehmen sollen; diese vor uns liegende Erwartung wird uns „als Anker der Seele” beschrieben, als etwas also, was uns hält, worin wir also fest verankert sein sollen.Doch was ist dieses uns erwartende Gut, das wir hier erfassen sollen? Sind dies – dem alten Bund entsprechend – Dinge von dieser Erde, die noch die entsprechenden Opfer und Abgaben beinhalteten, oder sind es nicht vielmehr die Dinge des Himmels? Worin besteht unser Anker?Die eindeutige Antwort auf diese Fragen sind uns die Zehntenlehrer schuldig geblieben. Wir finden sie in dem Vers, den wir oben begonnen haben:

    „...der bis in das Innerste hinter den Vorhang hineingeht, wohin Jesus als Vorläufer für uns einging, der nach der Ordnung Melchisedeks Hoherpriester für den Äon geworden ist.”

Hbr 6. 19b - 20

    Hier also finden wir unseren Anker vor, Halt und Ziel gleichermaßen. Jesus als unser Hohepriester, der den Weg, den wir Ihm nachgehen sollen, uns vorausgegangen ist, ist, indem Er die Himmel durchschritten hat, in das „Innerste hinter den Vorhang” eingegangen – in das himmlische Heiligtum, das nicht mit Händen gemacht ist. Hierin ist Er unser Vorläufer, was bedeutet, daß wir diejenigen sind, die nach Ihm dorthin kommen sollen, wo Er jetzt schon ist. Hier finden wir auch die Erfüllung des hohepriesterlichen Gebets vor, in dem Jesus – unser Hohepriester – gebetet hat: 

    „Vater, Ich will, daß auch jene, die Du Mir gegeben hast, bei Mir seien, wo Ich bin, damit sie Meine Herrlichkeit schauen, die Du Mir gegeben hast.” 

Jo 17. 24

    Wo ist nun der Herr, und wo ist die Herrlichkeit, die wir sehen sollen? Der Herr ist im himmlischen Heiligtum, und so spricht auch das Schauen der Herrlichkeit, in das wir nach Seinem Willen gelangen sollen, vom Himmel, und nicht von der Erde. So sind all die Erwartungen, die wir irgendwo doch noch auf die Erde gründen wollen, von vorn herein obsolet – denn hier wandeln wir nicht im Schauen, sondern noch im Glauben. Hierin besteht Sein Priestertum – in dem Himmlischen, und nicht in dem Irdischen, wie dies noch bei Aaron, dem Hohepriester des Alten Bundes, der Fall war; der ja noch den Priesterdienst Levis unter dem Gesetz mit seinem Opferdienst und seinen Zehnten verkörpert hatte.

    Damit finden wir all jene, die noch die Dinge des Landes kolportieren, als solche vor, die nicht zu dem unterwegs sind, wozu der Herr uns berufen hat: Sie folgen Ihm nicht nach, und damit zeigen sie, daß sie auch nicht in dem verankert sind, in dem sie verankert sein solle. Denn das Priestertum unseres Herrn besteht ja, wie der Hebräerbrief unermüdlich bezeugt, im Himmel, und gerade nicht auf der Erde. Darum sagt die Schrift:

    Die Summe aber des Gesagten ist: wir haben einen solchen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln sitzt, ein Amtsträger der heiligen Stätten, des wahrhaften Stiftszeltes, das der Herr und nicht ein Mensch aufgeschlagen hat. Denn jeder Hohepriester wird eingesetzt, um Nahegaben wie auch Opfer darzubringen, deswegen ist es nötig, daß auch dieser etwas habe, was Er darbringen kann. Wenn Er nun auf Erden wäre, würde Er nicht einmal Priester sein, weil hier (der Apostel bezieht sich auf den zu seiner Zeit noch gegenwärtigen alttestamentlichen Gottesdienst) schon Priester sind, die gemäß dem Gesetz die Nahegaben darbringen; diese verrichten Gottesdienst am Beispiel und Schatten der Überhimmlischen, so wie Mose Weisung erhielt, als er im Begriff war, das Stiftszelt zu vollenden. Denn siehe zu, erklärte Er ihm, alles wirst du nach dem Vorbild machen, das dir auf dem Berg gezeigt wurde.

Hbr 8. 1 - 5; vgl. 2Mo 25. 40

    Denn Mose hatte selbst nur nach einem Vorbild gebaut. Insofern ist das durch ihn Errichtete nur der Schatten, ein schwacher Abdruck des Eigentlichen selbst, was vielfach übersehen wird. Daß gerade das im Himmel bestehende Stiftszelt – die Urform einer Bauordnung des Tempels Gottes schlechthin – eine übernatürliche, unabänderlich bestehende und für alle Zeiten gültige Einrichtung darstellt, belegen allein schon die Tatsachen, daß Mose dieses Bild im Himmel geschaut hat, und gleichermaßen auch der Seher Johannes auf Patmos dies ebenfalls im Himmel gesehen hat. Dieses Zelt wird uns in der Offenbarung dreimal als im Himmel stehend bezeugt. In Offenbarung 13. 6 etwa wird uns das Tier, der Antichrist der Endzeit, beschrieben:

    Und es öffnete sein Maul zu Lästerungen gegen Gott, um Seinen Namen und Sein Zelt und die im Himmel Zeltenden zu lästern.

Off 15. 5 - 6a

    Später sieht Johannes dieses Zelt abermals - in einer Totalschau endzeitlicher Ereignisse, und sagt:

    „Danach gewahrte ich, wie der Tempel, das Zelt des Zeugnisses, im Himmel geöffnet wurde und die sieben Boten aus dem Tempel heraustraten.”

Off 11. 19

    Und schließlich – als Vollendung des Heilsgeschehens – gewahrt Johannes...

    ...die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel herabkommen von Gott, bereitgemacht wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Dann hörte ich eine laute Stimme aus dem Thron rufen: „Siehe, Gottes Zelt ist bei den Menschen, und Er wird bei ihnen zelten; sie werden Seine Völker sein, und Er, Gott Selbst, wird bei ihnen sein.

Off 21. 3

    Das uralte Bestreben Gottes, aus dem heraus Er schon durch Mose das irdische Stiftszelt, das Abbild des himmlischen, errichten ließ – als Sprachort und Wohnung Gottes bei den Menschen (2Mo 25. 8 - 9) – sehen wir hierin endlich erfüllt.

    Genau dieses, das himmlische Zelt steht im Hebräerbrief im Mittelpunkt des Interesses. Es ist das wahre” (Hbr 8. 2), „das größere und vollkommenere” Zelt (Hbr 9. 11). Und in dieses Zelt hinein ist Christus gegangen – bis hinein in das Allerheiligste, den innersten Raum hinter dem Vorhang – als unser Vorläufer, der will, daß wir Ihm auf demselben Weg nachfolgen, damit auch wir dorthin gelangen, wo Er jetzt schon ist. Von einem Land, das wir einzunehmen gehalten wären, lesen wir dort nichts. Deshalb zerriß auch, als Er Sein Werk am Kreuz vollendet hatte, der Vorhang im Tempel in zwei Teile, und zwar von oben nach unten: Gott Selbst hatte von oben her das den Menschen Unmögliche getan, hatte ihn aufgehoben, indem Er die Sünde, stellvertretend für uns, am Fleisch Jesu richtete (Mt 27. 51). Aus diesem Grunde wird hier der zerrissene Vorhang mit dem zerrissenen Fleisch Jesu nicht nur verglichen, sondern geradezu gleichgesetzt. Denn in demselben Augenblick, in dem Jesu Fleisch zerrissen worden war, als Er das Lösegeld bezahlt und Seinen Geist entlassen hatte, da zerriß nun auch dieser Vorhang (Mt 27. 50 – 51), damit der Weg in die Gegenwart Gottes endlich frei sei und von uns fortan auch beschritten werden könne. Dieser Weg ist nun freilich kein gedanklich-imaginärer, nur symbolischer; dieser Weg ist lebendig, ein Weg also, der tatsächlich auch gegangen werden muß.

    Aus eben diesem Grunde wird den Hebräern – aufgrund des für die Sünde schon vollbrachten Opfers Jesu – auch gesagt:

    „Da wir nun, Brüder, durch das Blut Jesu Freimut haben zum Eintritt in die heiligen Stätten, den Er uns eingeweiht hat (dazu wurde Er geschlachtet und ist nun ein lebendiger Weg durch den Vorhang hindurch, dies ist Sein Fleisch), und da wir einen großen Priester über das Haus Gottes haben, so laßt uns mit wahrhaftem Herzen herzukommen, in Vollgewißheit des Glaubens, durch der Herzen Besprengung los vom bösen Gewissen und den Körper gebadet in reinem Wasser.”

Hbr 10. 19 - 20

    Dies alles zeigt an, daß der Weg in das Heilige Gottes, den unser Herr uns in Seinem Leiden und Sterben eröffnet hatte, in dieser Welt durch Leiden führt. Denn unsere Erwartung ist gerade nicht die dieser Welt, von Erfolg, von irdischem Wohlstand und Reichtum, den es durch Ausstreuen einer materiellen „Saat” zu erwerben, und durch Gesetzeserfüllung, wie dem Geben des Zehnten, zu sichern und zu wahren gälte, wie etliche sogenannte „Glaubenslehrer uns immer wieder weismachen wollen, sondern allein die oben beschriebene. Denn wenn die Erwartung der Gemeinde in den Dingen dieser Welt bestünde, würde es für den Schreiber keinen Zweck gehabt haben zu sagen:

    „Denn ihr habt Mitgefühl mit meinen Gebundenen bewiesen und den Raub eures Besitzes mit Freuden auf euch genommen, weil ihr erkanntet, daß ihr einen besseren und bleibenden Besitz in den Himmeln habt.”

Hbr 10. 34

    Ich denke, daß es ausreichend ersichtlich ist und der Leser mit dem Gesagten daher so weit konform gehen kann, daß es sich bei dem bleibenden Besitz in den Himmeln nicht um Dinge dieser Erde handeln kann. Denn diese hatten die Hebräer ja gerade aufgegeben, um an dem Himmlischen teilhaben zu können. Wir wären wohl die traurigsten aller Kreaturen, wäre unsere Erwartung eine von dieser Welt, die doch vergeht. Nun aber ist unsere Erwartung die des himmlischen Allerheiligsten, in das Christus als unser Vorläufer vor uns eingegangen ist, und dem wir auf diesem Weg – dem Wege Seines Fleisches – nachfolgen sollen. Darum sagt der Apostel:

    „Mögen wir nun das Bekenntnis der (dieser!) Erwartung ohne Wanken festhalten; denn der Verheißende ist glaubwürdig.”

Hbr 10. 23

    Was alles wird doch in der Glaubensbewegung bekannt, was nicht Inhalt dieses Bekenntnisses ist! Wir bekennen unseren eigenen Wohlstand, wir bekennen unsere Lohnerhöhung, wir bekennen das neue Auto und das überquellende Bankkonto. Und natürlich bekennen wir auch die „große Erweckung” auf Erden. Nur die Erwartung des wiederkommenden Herrn aus dem Himmel, die bekennen wir nicht. Damit erweisen sich beide Lehren der Glaubensbewegung nicht nur ihre Zehnten-, sondern auch ihre Bekenntnislehre von neuem als jeweils gravierende Fälschungen, die uns nicht ins Wesen des Himmels, sondern in das der Erde einführen wollen; nie geht es um das Unsere, sondern stets um das des Anderen, zuerst Jesu und Gottes, und damit schließlich auch des Nächsten.. – Es war an dieser Stelle leider nicht möglich, ausführlicher auf die Gegebenheiten der Stiftshütte einzugehen, da auch dies das Anliegen dieser Seiten sprengen würde. Schon der Verfasser des Hebräerbriefes hatte seinen Zuhörern zwar einzelne Dinge aus dem Heiligtum, ja dem Allerheiligsten Gottes selbst angeführt, mußte dann aber, da diese schwerfällig im Hören geworden waren, diesen Lehrgegenstand verlassen und mit seinem Hauptthema fortfahren (Hbr 5. 10 – 14, 9. 1 - 5). Hieran sehen wir, wie bedrückend aktuell gerade dieser – zumeist mißverstandene, in seiner Aussage durch Herausnahme einzelner Schriftstellen oftmals entstellte und fehlinterpretierte – Brief auch und gerade heute wirklich ist. Vielleicht ist ein solches Eingehen auf Einzelheiten des himmlischen Tempels, über den uns die Bibel so viel schreibt, und dessen Abbild Mose errichtete, an anderem Ort gegeben.


Zur besseren Auferstehung: Rennen mit Ausdauer

    Die himmlische Erwartung, der wir nachjagen sollen, und das damit verbundene Hören der Stimme Gottes – das ist das ganz große Thema des Hebräerbriefes. Denn nicht das Irdische, sondern das Himmlische gilt es zu erringen. Nicht zuletzt deshalb spricht auch das elfte Kapitel dieses Briefes einerseits von jenen Glaubenszeugen, die unter dem Alten Bund lebten, und durch den Glauben, nämlich das Vertrauen in den lebendigen und gegenwärtigen Gott, auf Erden so manchen Sieg erringen und so manche Schlacht schlagen durften. Im Gegensatz zu den Thesen der sog. „Glaubensbewegung” aber übersieht es eben auch nicht die, deren Leben hier nicht von solchen sichtbaren Erfolgen gekrönt worden war:

    „Und was soll ich noch sagen? Denn die Zeit wird mir fehlen, um von Gideon, Barak, Simson, Jephtha und David zu erzählen, wie auch von Samuel und den Propheten, die durch Glauben Königreiche niederrangen, Gerechtigkeit wirkten, Verheißungen erlangten, der Löwen Rachen verstopften, die Kraft des Feuers löschten, der Schneide des Schwertes entflohen, in Schwachheit gekräftigt wurden, in der Schlacht stark wurden, der Fremden Lager in die Flucht jagten, und Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiedererhalten. Andere aber wurden gemartert, da sie eine Freilösung davon nicht annahmen, um eine bessere Auferstehung zu erlangen. Andere wieder nahmen Anfechtung durch Verhöhnung und Geißelung auf sich, dazu noch durch Fesseln und Gefängnis. Sie wurden gesteinigt, zersägt, wurden angefochten, starben durchs Schwert ermordet, zogen in Schaffellen und in Ziegenhäuten umher, litten Mangel, wurden bedrängt, erduldeten Übles. Sie, deren die Welt nicht würdig war, irrten in Wildnissen, auf Bergen, in Höhlen und Löchern der Erde umher.”

Hbr 11. 32 - 38

    Festzuhalten bleibt, daß all jene, die der Schreiber des Hebräerbriefes uns als Glaubensvorbilder des Alten Bundes vorstellt, zu denen auch Letztere gehören, denen „durch den Glauben Gutes bezeugt wird”, die eigentliche, „uns angehende Verheißung Gottes” nicht davon trugen, „um nicht ohne uns vollendet zu werden, weil Er voraus nach Besserem blickt” (Hbr 11. 39 - 40). So schließen nun auch wir, diese alleinige Erwartung betreffend, die die Hebräer, und mit ihnen auch wir, unbedingt im Auge behalten sollen, dieses Kapitel ab mit den Worten:

Daher mögen also auch wir,

weil wir von einer solch großen Wolke von Zeugen umgeben sind,

alle Hemmungen samt der bestrickenden Sünde ablegen,

den vor uns liegenden Wettlauf mit Ausdauer rennen

und (von alldem wegsehend) auf den Urheber und Vollender des Glaubens blicken,

auf JESUS, der anstatt der vor ihm liegenden Freude das Kreuz erduldete

und die Schande verachtete

und Sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat” (Hbr 12. 1 – 2).



Dies ist der Weg, denn unser Herr und Meister uns vorgelegt hat.

Diesen Weg laßt uns gehen!

*


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Anmerkungen und Erklärungen zum zweiten Teil.

[1] Stater = Vierdrachmenstück (zwei Doppeldrachmen, etwa der Wert eines Tageslohns). Die Doppeldrachme galt dem Tempel und wurde einmal im Jahr als Kopfsteuer erhoben.

[2] Die meisten Übersetzungen gebrauchen hier den Begriff des Erben, Miterben oder auch des Erbteils. Das Griechische verwendet hier allerdings einen anderen, aus dem Alten Bund herrührenden Terminus, nämlich das Wort klêro-nomos, das der Übersetzung nach einen Los-Aneigner beschreibt, der ein durch Los gesetzlich festgelegter Inhaber eines nur ihm zugedachten Anteils eines allen zur Nutzung überlassenen Gutes ist. Im Alten Bund stellte dieses Gut das dem Volk Israel verheißene Land und das damit verbundene Gesetz Moses dar; im Neuen Bund ist es das Reich der Himmel, das dem Christus, und mit Ihm Seinen Familienmitgliedern (als den Gliedern Seines Leibes) zugelost worden ist (vgl. Eph 1. 3 – 23, 2. 4 - 7). Auch hier gilt einem jeden Glied nur sein eigener, nur ihm zukommender Anteil, der sich in der ihm zugewiesenen Gabe ausdrückt (so u.a. in Rö 12. 3 – 8, 1Kor 12. 4 – 11, Eph 4. 7 - 16). 

    Gleichwie im Israel des Alten Bundes nur die Summe aller Losteile zusammen das gesamte Erbteil, das ganze verheißene Land also ergeben konnte, kann im Neuen Bund auch nur die Gesamtheit aller seiner Glieder den ganzen Leib ergeben. Ja mehr noch: die von Gott her vollzogene Zusammenfügung aller dieser Teile erst ist es, die zum Ganzen führt, da wir – im Gegensatz zum alttestamentlichen, noch losen Volksverbund – hier eine organische Verbindung aller Glieder benötigen, die den einen Leib überhaupt erst lebensfähig macht (vgl. 1Ptr 2. 4 – 5). Damit wird deutlich (auch wenn dieses hier nur einen Nebenaspekt darstellen kann ), daß der Christusleib nicht die Summe dessen ausmacht, was wir in unseren Gemeinschaften tun, sondern immer nur die Zusammensetzung dessen, was Gott schon getan und in die einzelnen Glieder, als deren jeweilige Anteile, bereits hineingelegt hat.

    Zum Begriff eines Anteils (kleros) nun schreibt Kittel in seinem Theologischen Wörterbuch etwa: „Besonders... bezeichnet kleros im NT den Anteil, der jemand zugeteilt wird; es handelt sich also, wie im AT, nicht um etwas Erworbenes, sondern um etwas Gegebenes, und zwar von Gott Gegebenes... War es für die Juden die entscheidende Frage, ob sie „Anteil an Mose hatten (...), so ist es im NT die entscheidende Frage, ob einer „Anteil” an dem „Wort” oder an der Gabe Gottes hat: Ag 8. 21...” (Zitiert aus: Gerhard Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament 1938ff, Band III, Seite 762, Stichwort kleros). 

    Das Konkordante Neues Testament (KNT) merkt zum Begriff des Losteilinhabers unter anderem an: „Ackerland i(m) alten Israel gehörte Jawe. Mit einigen Ausnahmen gab es kein Eigentumsrecht, wie wir es kennen. Beinahe alles kehrte im Jubeljahre zu dem ursprünglichen Losteilinhaber zurück. Außerdem wurde das Ackerland eines jeden Dorfes, das gemeinsamer Besitz war, jedes Jahr neu verlost. Unser Wort steht im Zusammenhang dieser, sich stets wiederholenden Neuverlosung des Ackerlandes. Jawe entschied, welches Teil jeder in jedem Jahre bebauen sollte.” (Siehe dort, anhängende Stichwortkonkordanz, Seite 522, Stichwort Losteilinhaber.) 

    Diese Zusammenhänge werden uns im dritten Teil dieser Schrift näher interessieren.

[3] Wer so zu erkennen meint, der weiß nach Paulus nicht, wie man erkennen soll (1Kor 8. 1ff). Erkenntnis ist in der Schrift immer personenbezogen; sie hat mit einem Wissen darüber, wie was funktioniert, nichts zu tun. Ein solches Wissen stammt von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

[4] Über den Irrweg des Visionsglaubens und die diesem Weg zugrunde liegenden falschen Lehrauffassungen haben wir uns in der Schrift Die Zügel Gottes oder Vom Irrtum des Visionsglaubens ausführlicher auseinandergesetzt. 

[5] Bruder Stefan Pohl schrieb in seiner gediegenen und darum empfehlenswerten Broschüre „Im Geringsten treu - Der Zehnte im Neuen Bund: Segen oder Fluch” die folgenden richtungsweisenden Sätze: 

    „Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob Jesus nicht in Mt. 23, 23 bzw. Luk. 11, 42 den Zehnten in den Neuen Bund hinein verlängert hätte. Diese Frage ist mit einem klaren Nein zu beantworten. Wenn wir uns den Text genau ansehen, dann steht dort (Lukas): »Jedoch, wehe Euch Pharisäern, daß Ihr den Zehnten gebt von der Minze und der Raute und von allem Gemüse, und in Bezug auf das Gericht und die Liebe des Gottes danebenkommt*; aber bindend war, dies zu tun und jenes nicht zu lassen.« (so auch bei Matthäus). Wenn man hier ungenau übersetzt – z. B. »dieses sollt Ihr tun, und jenes nicht lassen« – dann entsteht freilich der Eindruck, daß Jesus das Geben des Zehnten in die Zukunft verlängern würde. Anhand der korrekten Übersetzung sehen wir aber, daß Jesus – weniger durch das direkte Ansprechen der Pharisäer, sondern vor allem durch die Zeitform – hier eine abschließende Beurteilung des pharisäischen Verhaltens innerhalb der Grenzen des Alten Bundes abgibt. Aufgabe der Pharisäer wäre gewesen, sowohl den Zehnten zu geben als auch Barmherzigkeit zu üben. Als Verlängerung der Zehntenpraxis in den Bereich des Neuen Bundes ist diese Aussage jedenfalls nicht tauglich. Wichtig ist sie indessen auch für uns: Wir können daraus einmal mehr sehen, daß es wertlos ist, Gebote dem Buchstaben nach zu befolgen und sie dabei dem Geist nach zu brechen.

*danebenkommen = das Ziel verfehlen, sündigen.”(Anmerkung des Verfassers)

Stefan gibt hier aus der Baader- Übersetzung (Dabhar) wieder. Zitert aus: Ebd., S. 17 - 18.

[6] Aus dem Grundtext ergibt sich allerdings eine Gleichsetzung; leider fügen die meisten gängigen Übersetzungen hier einen Vergleich, ein wie” ein, das im Grundtext so nicht enthalten ist; die Aussage des Textes wird dadurch bedeutend abgeschwächt.



Verwendete Bibelübersetzungen und Hilfsmittel


Wo nicht anders angegeben, wurden für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose, die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die folgenden Ausgaben der Konkordanten Übersetzung verwendet:

Konkordantes Neues Testament mit Stichwortkonkordanz
6. Auflage 1995, Alle Rechte vorbehalten

Konkordantes Altes Testament, Das Erste und Zweite Buch Mose
2. erw. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Die Psalmen
1. Auflage 1994

Konkordantes Altes Testament, Jesaja
Studienheft mit transliterierten göttlichen Titeln
3. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Daniel
1. Auflage 1991

Konkordanter Verlag Pforzheim
Leipziger Str. 11
75217 Birkenfeld

An allen anderen Stellen wurden verwendet:

Elberfelder Übersetzung (Unrevidierte Version)
„Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”
73. Auflage 1993

Revidierte Elberfelder Übersetzung
Verlag R. Brockhaus
, Wuppertal

Schlachter - Übersetzung
„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments / Unter Berücksichtigung der besten Übersetzungen / Nach dem Urtext übersetzt von Franz Eugen Schlachter / Neu bearbeitet und herausgegeben durch die GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf 1985” sowie

Die Bibel / Übersetzt von Franz Eugen Schlachter nach dem hebräischen und griechischen Grundtext mit Parallelstellen und Studienhilfen / Version 2000 / Neue revidierte Fassung / GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf 2003

Die Geschriebene des Alten und des Neuen Bundes
Übersetzung von Fritz Henning Baader, 3. (überarbeitete) Gesamtausgabe 1998
Copyright 1998 by F. H. Baader, 75328 Schömberg

Novum Testamentum Graece
Nestle - Aland, 26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten

Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament
Hrsg. Gerhard Kittel u. a.
Verlag Kohlhammer, Stuttgart u. a., 1933-1969




Lieber Bruder, liebe Schwester!

Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm berührt worden sind.

Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).

Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu Schatzhebern werdet.

Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst dafür eine Tür aufgetan hat.

Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:

1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt 10. 8 - 9).

2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.

3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.

Dieser Teil ist am 10. 06. 2011 zuletzt bearbeitet worden.

© 2003 ff.



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