Von Angesicht zu Angesicht (3)


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VON ANGESICHT
ZU ANGESICHT

Verlust und Wiederherstellung

der Unmittelbarkeit

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Eine Abhandlung

über heutige Gemeindestrukturen

und ihre Beurteilung aus

biblischer Sicht.



Verschiedene Studien.
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3. Freund, rücke herab


Inhalt

Vom Frieden Gottes oder: Wenn die Ordnung Aufruhr ist * Schweige, wenn der Bruder redet: Vom Teil des Ganzen zum Ganzen der Teile * Anstand, Ausdruck der Liebe * Zwei Wege * Achte auf die Brüder: aufsehen, nicht herabsehen * Der ausgegossene Trank: vom Tode zum Leben * Beistand der Freunde, Herabstand im Segen: Siehe! * Unherabstand, der Stolz der Sonntagsredner * Einer über alle, alles durch alle, alles in allen

 

Titel
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Vom Frieden Gottes oder: Wenn die Ordnung Aufruhr ist

    In den nächsten beiden Teilen werden wir uns mit dem Frieden Gottes als derjenigen Instanz beschäftigen, die uns nicht nur ganz ausfüllen, sondern uns auch leiten soll. Vielfach hören wir ja die Meinung, daß Gott nicht ein Gott der Unordnung sei, sondern ein Gott der Ordnung; deshalb habe Er Ordnungen in die Gemeinde gesetzt. Mit diesem Satz wird zumeist auch die Betonung einer Leiterschaft begründet. Wir werden uns daher auch ganz zentral mit dieser Auffassung zu beschäftigen haben. Zunächst jedoch gilt es festzuhalten, daß eine jede Ordnung nicht zwangsläufig auch für Richtigkeit steht. Der oben angesprochene Frieden jedoch wird immer auch eine Ordnung, eine Ordnung aber nicht Frieden zur Folge haben. Auch die Ordnung des so genannten Dritten Reiches war eine Ordnung; nur erwuchs aus ihr kein Frieden, sondern Haß, der in einen Krieg mündete, der die Völker Europas in ein bis dahin nicht vergleichbares Elend stürzte. Eine Ordnung, die nicht aus Frieden erwächst und nicht in Frieden hineinmündet, ist Zwang. In vielen Gesprächen ist mir diese ganz offensichtliche Verwechslung immer wieder begegnet. Ich frage meine Gesprächspartner dann regelmäßig: „Welchen Zustand stellt die Bibel als Gegensatz zur Unordnung dar?” – „Ordnung”, höre ich dann fast immer. Ich meinte aber nicht die Antwort, die man logischerweise, dem menschlichen, noch unerleuchteten Verstand nach finden würde, sondern die, welche die Bibel, Gottes Wort, dazu parat hält; und diese Antwort lautet nicht „Ordnung”, sondern „Frieden”. Wir wollen nun doch einmal einen Vers lesen, den man augenscheinlich nicht nur aus dem Zusammenhang herausgenommen, sondern obendrein auch falsch zitiert hat:

    „Denn Er ist nicht der Gott des Aufruhrs, sondern des Friedens” (1Kor 14. 33).

    Das Wort Aufruhr wird in den meisten Bibeln mit Unordnung wiedergegeben. Diese begriffliche Deutung ist zwar nicht vollständig, wie wir noch sehen werden, aber sie ist dennoch richtig. Wir halten zunächst also fest, daß
das biblische Gegenteil für Unordnung im Frieden zu finden ist. Damit erkennen wir auch, daß eine jede Ordnung, in der der Friede Gottes nicht zu finden ist, in den Augen Gottes eigentlich Unordnung darstellt und damit in den Aufruhr mündet.

    Paulus schrieb diesen sehr bedeutsamen Satz im Zusammenhang einer Belehrung über den rechten Gebrauch der Geistesgaben in der Gemeindeversammlung. Er erklärt die Bedeutung des Zungenredens und mahnt dazu, diese auch auszulegen. Auch soll in der Versammlung nicht nur einer reden: ein jeder soll etwas zu sagen haben, ein jeder etwas zum Geschehen beisteuern:

    „Wenn (d. h. also: so oft) ihr zusammenkommt, hält ein jeder von euch etwas bereit: einen Psalm, ein anderer hat Belehrung, hat Enthüllung, hat Zungenrede, hat die Übersetzung derselben. All das soll zur Auferbauung dienen.”
1Kor 14. 26

    „Alles das” , griechisch ta panta, bedeutet nicht nur die Menge des Gesagten, sondern erklärt es auch zu einem Ganzen, so daß die Versammlung um den Teil beraubt wird, der nicht gesagt werden kann; ihre Erbauung ist also unvollständig und eine solche Versammlung hat damit das Maß nicht erreicht, das Gott ihr zu dieser Stunde geben wollte. Der obige Vers ist eine Aussage, die man auch zur Überschrift über das ganze vierzehnte Kapitel machen könnte. Hierbei ist es bedeutungsvoll, daß dieses Kapitel von dem dreizehnten geradezu eingeleitet, ja vorausbedingt wird, in dem uns der Weg der Liebe beschrieben wird, der alles andere noch überragt. Beide Kapitel sollten daher auch immer im Zusammenhang gesehen werden; man darf sie nicht voneinander trennen, wie dies in Auslegung und Praxis leider immer wieder geschieht. Hierbei geht es also im Wesentlichen um diesen Weg: alles soll dem Nächsten dienen, ihm zur Auferbauung; da ist also nichts, was ich vor dem Anderen zurückbehalten darf, nichts, was ihm unverständlich bleiben soll. Denn die Liebe trachtet immer nach dem, was des Anderen ist. Und dies betrifft sowohl seinen Bedarf, als auch seine Gabe.


    Denn genau so, wie die Liebe nach der Auferbauung aller trachtet, ist sie auch bestrebt, daß all diese auch zum Zuge kommen, und damit das, was der Geist Gottes ihnen, d. h. jedem Einzelnen gegeben hat. Damit bleiben wir bei dem Thema, das sich wie ein roter Faden durch diese ganze Schrift hindurch ziehen wird: der sich dem Nächsten sowohl hingebenden als auch sich unterordnenden Liebe. Diese gegenseitige Unterordnung, die eigentlich ein Herab-Ordnen darstellt und damit das Wesen der Liebe selbst ausdrückt, wird uns in diesem Kapitel besonders zu beschäftigen haben.

    „Erkenntnis (eigentlich Kenntnis oder Wissen, gnosis) macht aufgeblasen, die Liebe aber erbaut (1Kor 8. 1).

    Hier geht es eigentlich um ein allumfassendes Wohn-Bauen, was im Griechischen durch das Wort oikodomeo ausgedrückt wird; ein geistliches Haus für alle wird gewissermaßen errichtet, Stein auf Stein gesetzt, und einer trägt dabei den anderen. Die Liebe führt immer in den Aufbau aller hinein; sie fragt danach, was der andere davon hat; anderenfalls hätte der Bau keinen Sinn, und tatsächlich sehen wir solche Bauten ihres Sinnes entleert, wenn sie nicht diesem Paradigma gemäß geschehen sind. Werden Bruder und Schwester auferbaut, d. h. also getragen von dem, was ich sage, oder bin ich aufgeblasen aufgrund dessen, was ich zu wissen, was ich zu haben meine? Und: lasse ich andere zum Zuge kommen, nehme ich die Gabe des Anderen an, lasse ich mir sagen? Bin ich bereit zu hören, bevor ich selbst etwas sagen will?

    „Wisset aber, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören bereit, säumig zum Sprechen...”,

    so schrieb etwa Jakobus in seinem Brief an die zwölf Stämme in der Zerstreuung (Ja 1. 19). Die Liebe läßt immer dem Anderen den Vortritt!


    In diesem Zusammenhang, in dem es sowohl um die Auferbauung aller geht, als auch um die Auferbauung durch alle, mahnt Paulus zum rechten Gebrauch der Zungenrede, während alle versammelt sind. Zwei oder drei sollen dabei reden, und dies in Bruchteilen, was implementiert, daß jeder lediglich einen Teil hat, und nur die Zusammenfügung ein Ganzes ergeben kann. Nun soll aber nicht in Zungen gesprochen werden, ohne daß es auch einen Übersetzer aller dieser Teile gäbe. Hier wird das Wort Durch-Übersetzer (diêrmenêutes) verwendet, d. h. es soll eine Übersetzung, mithin eine allen verständliche Wiedergabe, durch alle Teile hindurch erfolgen. Wenn jedoch kein anderer da ist, der übersetzen kann, so soll für sich, also leise gebetet werden; öffentlich gilt es dann zu schweigen, da anderenfalls die anwesende Versammlung nicht erbaut werden kann, versteht sie doch nicht, was geredet wurde. Denn wer in einer Zunge spricht, der spricht zu Gott und redet Geheimnisse; er erbaut sich selbst (1Kor 14. 3 - 4). Dies macht den persönlichen Gebrauch dieser Gabe für den Sprechenden so wertvoll; hier, in der Versammlung, geht es jedoch um die Liebe, die die Auferbauung der anderen Teile im Blick hat, wie wir gesehen haben. Die uns gegebenen Gnadengaben sind also weniger für uns selbst, als vielmehr für das geistliche Wohl aller Anderen gedacht.

    Denn alle sollen ja verstehen, sollen aus dem Dargebrachten heraus gesegnet, sollen auferbaut werden. Deshalb ist eine Übersetzung der Zungenrede in der Versammlung so wichtig, und deshalb werden alle angewiesen, solange zu schweigen, wie diese Gabe nicht auch übersetzt, d. h. also für alle verständlich gemacht werden kann. Darum schreibt Paulus auch:

    „Ich danke Gott, denn mehr als ihr alle spreche ich in Zungen... Doch in der herausgerufenen Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Denksinn sprechen, als zehntausend Worte in Zungen...”
1Kor 14. 18 - 19

    Genau dies, da es um Verständnis geht, ist auch der Grund, weshalb Paulus in der versammelten Gemeinschaft die verständliche Rede vorzieht, und dieselbe nun dazu anhält, über das Zungenreden hinaus, ja mehr noch die Prophetie anzustreben. Denn Prophetie erbaut alle, und um diese Erbauung geht es ja. So soll um alle Gaben geeifert werden, am meisten aber um diese (14. 1, 39). Wenn wir um Prophetie eifern sollen, dann bedeutet dies, in ihr besonders fleißig sein zu wollen, freilich ohne die Zungenrede nun abzuwerten oder gänzlich abzulehnen, wie dies in manchen Kreisen leider geschehen ist und noch immer geschieht. [1] Es soll ja gerade nicht gewehrt werden, in Zungen zu sprechen, nur soll dies ordnungsgemäß geschehen (14. 39 - 40).

    Nun aber weist Paulus auch auf die Wichtigkeit des gemeinsamen Prophezeiens hin und lehrt über dessen Abfolge. Hier sollen demnach ebenfalls zwei oder drei Propheten sprechen, nicht mehr; alle anderen aber sollen das Gesagte beurteilen, wörtlich diakrino, durch-urteilen (1Kor 14. 29). Das bedeutet einerseits, daß das Gesagte in allem durchgegangen und besprochen werden, und andererseits, daß dieses gemeinsame Besprechen durch alle hindurch gehen soll: alle sollen es ja beurteilen, keiner ist dabei unbeteiligt. Es geht hierbei also gewissermaßen um ein gemeinsames Erarbeiten, ein gemeinsames Ringen um die Wahrheit durch die Mitwirkung aller, je nachdem, was ein jeder durch den Geist Gottes gerade empfängt. Hier soll sowohl alles durch alle als auch alles in allen gewirkt werden (Eph 4. 6). In welchem Gegensatz dazu das heute anzutreffende Pastorenkirchentum steht, liegt dabei nur allzu deutlich vor aller Augen. Da redet, schaltet und waltet nur einer, oder bestenfalls ein Konsortium weniger, besonders auserwählter „Brüder”, die sich besonders dazu befähigt halten oder für besonders befähigt gehalten werden, während allen anderen das Wort von vornherein entzogen worden ist. Nun, auch Paulus redet davon, daß wir einmal innehalten und schweigen sollen; bei ihm aber findet ein Schweigen statt, damit alle Versammelten, einzeln nacheinander zum Zuge kommen können (1Kor 14. 31). Hier gibt und empfängt allerdings jeder: alle sollen etwas lernen aus dem, was Gott durch alle darreicht. Denn ein einzelner, auch wenn er sich „Pastor” nennt, hat ja immer nur einen, nämlich seinen eigenen kleinen Teil. Er mag sich zwar mehr Wissen angelesen haben als andere; bloßes Wissen aber erbaut nicht, sondern bläst auf, wie wir sahen (1Kor 8. 1 - 2).

    Nein – bloß angelerntes Wissen führt nicht in die Offenbarung hinein, die wir benötigen, sondern geht an der Erkenntnis Gottes gerade vorbei (vgl. Ga 1. 12). Da werden wir sehr schnell einseitig und geraten in geistlichen Mangel hinein, wenn wir nur dem Reden eines Einzelnen oder einiger Weniger folgten. „Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil”, sagt Paulus (1Kor 13. 9). Die Ordnung, aus Teil (umgangssprachlich aus „Stückwerk” heraus) zu erkennen, gilt demnach so lange, wie das Vollkommene nicht gekommen ist. Das Vollkommene, das in der Vollendung des Christus, der Vereinigung des Hauptes mit allen seinen Gliedern besteht, ist aber noch nicht gekommen; wäre es gekommen, wären wir nicht mehr hier (vgl. Eph 1 - 2). Das Teilweise der Erkenntnis durch den Einzelnen bedarf also auch weiterhin stets der Vervollständigung durch die Teile aller Anderen. Anderenfalls würde der Christuskörper nicht in die Reife, die Mündigkeit und die Vollkommenheit hineingelangen können, in die Gott ihn durch die Einverleibung der Gaben ja gerade hineinführen will (vgl. Eph 4. 15 - 16). Deshalb sind die Teile aller so wichtig, wollen wir in jene Vervollständigung hineingelangen, die auch dem Apostel so sehr am Herzen liegt (1Kor 13. 10). Beim Prophezeien gilt es daher, ebenso zu schweigen, wenn wir in unserem Geist bemerken, daß Gott nun durch einen anderen etwas gesagt haben will (Kap. 14. 30). In dem Zusammenhang spricht Paulus über das Vermögen aller, einzeln nacheinander zu prophezeien, und sagt, daß die Geister der Propheten den Propheten untergeordnet sind (14. 32).


Schweige, wenn der Bruder redet:
Vom Teil des Ganzen zum Ganzen der Teile

    Paulus sagte hier, daß alle reden sollen, und zwar einzeln nacheinander: Hierbei gibt es weder eine Bevorrechtigung für einen Einzelnen, noch wird Raum für jenes Durcheinander gewährt, das heute in so manchen Versammlungen leider anzutreffen ist. Nein, in dieser Ordnung ist ein jeder in die Lage versetzt worden, zu reden; gleichzeitig wurde ein jeder aber auch befähigt, ja wurde ihm geboten, zur rechten Zeit zu schweigen und damit in der richtigen Weise vor der Gabe des Anderen zurückzustehen. Wer prophezeit, so Paulus, der kann also auch aufhören [2] und damit dem Nächsten Raum geben, durch den Gott anschließend (d. h. ergänzend zum vorher Gesagten) reden will. Damit entsteht nun ein Fluß, eine fortgesetzte Rede Gottes durch die Münder aller, durch die ganze Versammlung hindurch. In diesem gemeinsamen Reden wird der ganze Christuskörper offenbar, eines der größten und wohl gewaltigsten Wunder des Neuen Testaments, bei dem Jeder einen (seinen) von Gott gegebenen Anteil hat, der so, mit den Teilen der anderen, zu einem Ganzen zusammenkommt und damit allen gemeinsam dient (1Kor 12. 7). Erst hier entsteht die Vollkommenheit, die der Apostel meint, nämlich in der Vollendung aller dargereichten Bruchteile zu einem Ganzen. Dieses Zusammenkommen der Bruchteile setzt daher auch die unmittelbare Zusammenführung aller durch Gott voraus, ohne die Er den Anwesenden nichts geben kann, da sie im anderen Fall in Eigenregie zusammengekommen sind und sich daher nicht in Seinem Willen befinden. Allein so, durch die Zusammenfügung aller dargebotenen Bruchteile, findet dann auch die Erbauung der ganzen Gemeinde statt (14. 26). Und in diesem Kontext steht das Wort, daß Gott nicht der Gott des Aufruhrs ist, sondern des Friedens.

    Das Wort Aufruhr lautet im Griechischen akatastasía, das wörtlich mit Unherabstand zu übersetzen ist. Dieses Wort ist im Deutschen nicht gebräuchlich, weshalb die Übersetzer es zumeist mit Aufruhr oder mit Unordnung umschrieben haben. Wir wollen nichtsdestotrotz an der zwar nicht gebräuchlichen, dafür aber wörtlichen Übersetzung festhalten und werden den Begriff des Unherabstandes auch weiterhin gebrauchen, da er für unser Verständnis dessen, was Paulus hier aussagen wollte, von entscheidender Wichtigkeit ist. Dort, wo Aufruhr ist, herrscht also eigentlich ein Zustand vor, in dem nicht voreinander herabgestanden, d. h. also nicht in der gegenseitigen Demut gestanden wird, wie Paulus dies im Zusammenhang der Gnadengaben beschrieben hat und wie wir dies oben betrachtet haben. Denn dieser gemeinsame Gebrauch setzt Rücksichtnahme voraus; ich muß also den höher achten, der außer mir noch etwas zu sagen hat, und das sind naturgemäß alle anderen Anwesenden. Und deshalb habe ich genau dann von meinem Eigenen abzulassen, davon zurückzutreten, herabzustehen also, und zu schweigen, wenn ich merke, daß der Andere neben mir etwas sagen will, und habe es zu hören als Gottes Weisung, durch ein Glied des einen Körpers ausgegeben an diesen ganzen Körper, dessen Glied auch ich sein darf. Nicht von ungefähr hat Paulus vor die Erläuterungen über die Geistesgaben den alles überragenden Weg der Liebe gesetzt, wie wir gesehen haben, leitet er seinen Abschnitt über den rechten Gebrauch der Gaben doch mit einer umfassenden Darlegung dieses Weges geradezu ein (1Kor 13). Aufruhr, Unherabstand, ist also gerade dort zu Hause, wo der so angemahnte Weg der Liebe nicht beschritten wird, wo nicht ein jeder sagen darf, was Gott ihm gegeben hat, wann, wo und wie Gott dies gerade durch ihn gesagt haben will – in der Ordnung, in die Gott die vielerlei Gaben hineingesetzt hat.


Anstand, Ausdruck der Liebe

    Denn alles soll „wohlanständig und ordnungsgemäß” ablaufen. (Kap. 14. 40). Ich habe, obwohl ich dies nicht als einen Normalzustand ansehe, selbst verhältnismäßig große Versammlungen erlebt, in denen alle gemeinsam, geleitet durch den Geist Gottes, zum Ausüben der Gnadengaben kamen, und in denen dies in großer Ordnung vonstatten ging. Sicherlich gab es auch Fehler, da wir mit vielem gerade noch am Anfang standen. So war etwa immer wieder auf eine fehlende Übersetzung hinzuweisen, wenn öffentlich in Zungen geredet worden war und die Versammlung nun ohne eine solche fortfahren wollte. Von Bedeutung erscheint mir bis heute ein kleines Experiment zu sein, das einer der mitarbeitenden Brüder machte, als er die Versammelten zu völligem Stillschweigen anhielt. Er warf eine Nadel zu Boden, die man in einer Versammlung von 300 Personen tatsächlich noch hören konnte. Insbesondere hatten wir uns in jenen Tagen als Lernende begriffen, die vielleicht nicht alles richtig machen, aber dem Weg zu folgen bemüht sind. Tumultartig anmutende Erscheinungen aber, ein Reden und Beten im Durcheinander, Taktlosigkeiten, Anstoß erregende, unanständig erscheinende Praktiken etc. haben nichts mit der Ordnung zu tun, die hier angesprochen wird. Gott ist ein heiliger Gott, was sich gerade in unseren Versammlungen erweisen sollte. Die Furcht Gottes ist immer auch die Ehrfurcht vor Seiner Heiligkeit, vor Ihm Selbst, dem Furchtbaren, Unberechenbaren. Diese Heiligkeit war der ersten Gemeinde nicht unbekannt, sie erwies sich als so stark und so gegenwärtig, daß von den Übrigen niemand wagte, sich ihnen aus eigenem Antrieb anzuschließen (Apg 5. 13). Der Heilige Geist ist in erster Linie ein Heiliger Geist.

    Wenn dann jedoch einige sogenannte Charismatiker „bedeutungsvoll” herumstehen, Gott anzurufen vorgeben und dabei noch die Hände in den Hosentaschen haben, sich unordentlich benehmen oder herumflegeln, wenn die Alten nicht mehr geachtet und die Geringen nicht hochgehoben werden, ist das kein Erweis von Heiligkeit, Glauben oder so genannter „Kühnheit”, sondern von Respektlosigkeit und mangelnder Ehrerbietung Gott gegenüber.

    „Wer den Schwachen unterdrückt, beschimpft seinen Schöpfer; wer Ihn aber ehren will, erbarmt sich des Armen.” (Spr 14. 31, Schlachter).

    Solcher Hochmut hat immer auch seine Verirrungen hervorgebracht, die sich unter dem Anspruch,
hoch-geistlich sein wollen, ausgebreitet haben. Stolz bringt immer zu Fall, und gibt den, der in ihm lebt, zuletzt der Lächerlichkeit preis. Zugleich aber wird durch solche Exzesse der Name Gottes entheiligt. Sich unter lautem Gelächter, Gewieher oder Ähnlichem auf dem Boden zu wälzen, ist daher keine Kundgebung des Heiligen Geistes, sondern ein Erweis von Zuchtlosigkeit, zumindest aber – neben den darin deutlich werdenden Einflüssen dämonischer Geister – ein Zeichen ungereinigter Gefäße. Unser ganzes Betragen, auch unsere äußere Erscheinung sollte dem Rechnung tragen, wem wir da begegnen wollen. Wenn diese den Anstand verletzen, so sollten wir sie, sofern es in unserem Vermögen steht, entsprechend bessern, oder aber Hilfe zur Besserung annehmen. Die Liebe ist nicht unschicklich, wörtlich: aschêmon, unschematisch oder unartig, nicht dem Schema, d. h. der Art oder Ordnung gemäß (1Kor 13. 5). Sie erzeigt sich damit auch in Respekt und Ehrerbietung gegenüber anderen. Die Liebe zum Bruder und zur Schwester ist dabei immer Ausdruck der Liebe zu Gott Selbst (vgl. 1Jo 4. 19 - 21). Welch ein Aufwand wird doch betrieben, wenn in der Welt eine hochgestellte Persönlichkeit auftritt! Wieviel mehr sollten wir unserem Gott, dem König der Könige und dem Herrn aller Herren, auch mit unserem Äußeren Respekt zollen!

    Hier geht es nicht etwa darum, Äußerlichkeiten in gesetzlicher Weise überzubetonen, sondern um unser Verhalten als das derer, die in Beziehung mit dem himmlischen Vater stehen. Das Gesagte darf daher nicht dazu verleiten, nun auf Geschwister herabzusehen (Ja 2. 1 - 9) oder aus der Welt Kommende zu verachten: Wenn jemand der Kleidung ermangelt, dann rümpfe nicht die Nase, sondern bekleide ihn (Ja 2. 15 - 16). Modenschauen jedoch sind in der Bibel kein Thema; geht es doch in keiner Weise um uns selbst. So stehen nicht Mode, nicht Kostbarkeit der Kleidung, wohl aber Anstand und Reinheit im Mittelpunkt. Kleider sind kein Maßstab; die Liebe aber sehr wohl. Die Liebe wird uns also dazu bewegen, mit unserem Erscheinungsbild in der Gemeinschaft der Heiligen keinen Anstoß erregen zu wollen. Unser Äußeres darf ordentlich und schön sein, ohne daß wir dabei in Gesetzlichkeiten abdriften, aber auch, ohne darin besonders auffallen zu müssen (vgl. 1Tim 3. 2). Das hierbei verwendete Wort ist kósmios, d. h. in Ordnung schmückend. Unser Auftreten darf nicht von Gott ablenken, sollte aber gleichzeitig Respekt ausdrücken, Respekt vor den anderen Versammelten und damit vor Gott, der die Versammlung zusammengeführt hat, und somit in ihr und durch sie gegenwärtig ist.

    Die Liebe gebietet uns, dem Nächsten kein Ärgernis sein zu wollen (Rö 14. 13). Dieselbe Liebe läßt uns aber auch den annehmen, der vielleicht nicht unseren Vorstellungen entspricht, um dessentwillen aber Christus starb. Jesus hatte auch einen Gerasener nicht zurückgewiesen, der in den Gräbern lebte und einen unreinen Geist hatte. Nach heutigen Vorstellungen dürfte er der „Gruftie-Szene” angehört und sich ziemlich unmöglich aufgeführt haben. Er galt also sozusagen als „nicht gesellschaftsfähig”. Trotzdem war er in jedem Fall zu lieben und anzunehmen. Hier haben wir zu bedenken, daß zwar die Annahme durchaus zur Veränderung führte, nicht aber die Veränderung zur Annahme. Gott ist also sehr interessiert daran, daß wir zwar kommen, aber nicht bleiben, wie wir sind. So sollten also auch wir daran interessiert sein, daß Menschen zwar kommen, doch nicht bleiben, wie sie sind:

    „Da gingen die Leute hinaus, um zu sehen, was geschehen war. Als sie zu Jesus kamen, schauten sie den dämonisch Besessenen an, der die Legion gehabt hatte, wie er bekleidet und vernünftig dort saß, und sie fürchteten sich.”
Mk 5. 14b - 15

    An dieser Stelle finden wir also auch den Zusammenhang der Furcht Gottes mit einer Veränderung hin zur Ordnung vor; die Furcht, die von Gottes Heiligkeit spricht, hat also sehr wohl etwas mit Ordnung zu tun.


    Es ist schon erstaunlich, daß einige, die sich Gläubige nennen, unserem Gott Dinge zumuten, die sie sich in der Welt nicht wagen würden, und dies obendrein als Beweis besonderer Geistlichkeit, als Freiheit, ja als nachahmenswert ausgeben. Auch in solchen Äußerlichkeiten gilt jedoch, daß wir das, was wir unserem Bruder zumuten, Ihm zugemutet haben (vgl. Mt 25. 40, 45). Wo der Anstand fehlt, fehlt die Liebe selbst; wo die Liebe fehlt, ist Gott nicht gegenwärtig, ganz gleich, welche vorgeblichen „Erweise der Kraft” – welcher? – da ablaufen mögen. Denn Gott ist die Liebe; allein wer in der Liebe bleibt, der bleibt auch in Ihm (1Jo 4. 8 - 16). Werden die hier beschriebenen Unschicklichkeiten vorgefunden, sind sie auch ein Beweis dafür, daß man sich nicht auf Gott selbst, sondern auf besondere Kundgebungen ausgerichtet hat. Der Heilige Geist verherrlicht sich nie Selbst; auch will Er nicht verherrlicht werden, sondern tritt immer zurück, um uns den Sohn zu zeigen und allein Ihn in die Mitte zu stellen – Ihn, der uns wiederum den Vater offenbart (Jo 16. 14 - 16). In solchen Versammlungen aber, wie sie oben beschrieben worden sind, ist Gott nicht mehr zu finden; sie verkommen zu Tummelplätzen betrügerischer Geister und verführen und beschmutzen so die Anwesenden. Gottes Haus ist aufgeräumt; es wird vor allem im Frieden erfunden.


Zwei Wege

    Und so erweist sich Liebe stets anhand von Ordnung, während sich Lieblosigkeit in Unordnung niederschlägt. Unherabstand, das mangelnde Sich-Selbst-Halten zu dem Niedrigen, welches sich auch an den oben skizzierten Respektlosigkeiten erzeigt, ist also nicht nur eine innerliche Unordnung, sondern wird früher oder später auch zur äußerlichen. Äußerliche Unordnung ist Symptom, ist lediglich Anzeiger der inneren, des Unherabstandes und demzufolge des Unfriedens, während die Ordnung, um die es hier geht, eigentlich Frieden darstellt, Frieden mit Gott und dem Nächsten, um dessentwillen es herabzustehen, d. h. von dem Eigenen zurückzutreten gilt. Wer nicht herabsteht und sich somit nicht im Frieden befindet, zeigt damit an, daß er den anderen nicht höher achtet als sich selbst, sondern ihn statt dessen herabsetzt. Frieden und Liebe sind zwei Seiten desselben Wesens; sie sind untrennbar verbunden. Die Liebe sucht nicht das Ihre – niemals (1Kor 13. 5). Damit tritt sie zurück und setzt den Nächsten an die erste Stelle. Sie, die sich demnach stets selbst gibt, die sich stets selbst entäußert, die stets die Gestalt eines Sklaven annimmt, kann also nicht zugleich für sich selbst Dinge einfordern, da dies ihrem Wesen völlig widerspricht (Phil 2. 7). Diese wahre Liebe, von der wir hier sprechen, und Selbstliebe schließen einander aufs Völligste aus.

    In die Rubrik immer wieder gestellter Forderungen gehören auch die weithin vorhandenen und zahlreichen Versuche hinein, Geschwister zum Spenden von Geldsummen zu animieren, die regelmäßig mit dem Hinweis auf eine zu erwartende Geldvermehrung „versüßt” werden. Die Liebe sucht jedoch auch hier nicht das Ihre; sie gibt nicht, um etwas wiederzuerlangen (Mt 5. 42). Dabei weiß die Linke nicht, was die Rechte gibt; sie gibt im Verborgenen und weiß bald nichts mehr davon, daß sie gegeben hat (Mt 6. 3 - 4). Ganz sicher erstattet der Herr dem, der dem Bedürftigen gibt (Spr 19. 17). Und ebenso gewiß versorgt uns der Herr mit allem Notwendigen, mehrt Er, fügt uns hinzu, solange wir uns auf Seinem Weg befinden (Mt 6. 24 - 34). Gott ist treu. So dürfen wir auf diesem Weg auch auf Seine Versorgung vertrauen. Der Weg der Nachfolge ist aber gerade der Weg der Liebe, des Hinwendens zum Nächsten, den Bruder und die Schwester, nicht aber der des Begehrens für sich selbst. Denn die Liebe trachtet nicht nach dem Gewinn, sondern gibt aus einem liebenden Herzen heraus dem, der der Zuwendung bedarf. Das Wesen der Liebe ist wieder nur Liebe. Liebe kann nichts anderes als lieben, und drückt sich immer anhand der Zuwendung aus. Sie ist Hingabe; sie gibt sich regelrecht weg, um des Anderen willen.

    Wer lediglich gibt, um etwas dafür zu bekommen, woher und auf welchem Wege auch immer, der gibt nicht, weil er liebt, sondern kauft. Wer jemanden um Geldes willen anspricht, indem er ihm eine zu erwartende Vermehrung der gespendeten Geldsumme in Aussicht stellt, der spricht nicht die Liebe, sondern den Geist des Mammons, des Begehrens und des Speicherns für sich selbst an. Denn Mammon (mamonas) ist nichts anderes als der griechische, dem Aramäischen entlehnte Ausdruck des für sich selbst Gespeicherten. Wer sich diesem Gott versklavt, der hat damit den Gott der Bibel verlassen; denn es ist keineswegs möglich, zwei Herren zugleich zu dienen (siehe Mt 6. 19 - 34). Dies gilt insbesondere für die heute weitverbreitete Unsitte, in gesetzlicher Art Zehntenforderungen zu erheben
[3]. Denn der Zehnte ist keine himmlische, sondern eine zutiefst irdische Angelegenheit; er diente ja gerade dazu, jenes Speichern auf der Erde zu sichern und aufrechtzuerhalten, wobei es gerade bei Maleachi um das Speichern für sich selbst ging, dessen Erfolg oder Mißerfolg in das Geben oder Nichtgeben des Zehnten gelegt worden war. In seiner Verwendung im Hier und Heute begegnet uns, wenn auch geschickt, weil scheingeistlich verpackt, der Mammonsdienst wieder. In einem solchen Weg stehen nicht mehr Bruder und Schwester, sondern ein zu erwartender Gewinn bzw. eine vorgebliche Erhaltung des irdischen Wohlstandes im Mittelpunkt.


    Hierbei wird Glaube, der eigentlich kindliches Vertrauen in Gott als dem Vater sein sollte, in sein Gegenteil verkehrt und, nachdem er so umgedeutet wurde, in gesetzlicher Weise als Mittel zum Gewinn propagiert. Paulus bezeichnet jedoch den Weg, Frömmigkeit für ein Gewerbe (griechisch porismos, Auftun einer Geldquelle) zu halten und reich werden zu wollen, als den des geistlichen Schiffbruchs, als den Weg jener, die „in Ruin und Untergang versumpfen”, und mahnt dazu, diesem Weg zu entfliehen. Die hier angesprochene Geldgier lautet im Griechischen philarguria, wörtlich Silberfreundschaft oder, genauer noch, Silbergeld gern haben; sie wird als „eine Wurzel aller Übel” beschrieben (siehe 1Tim 6. 3 - 11). Umgekehrt ist es aber auch nicht möglich, die Gabe Gottes durch Zahlen einer Geldsumme zu erwerben; wer in solchem Denken lebt, sollte wissen, daß auch dies in den Untergang führt. Wer so begehrt, der lebt in der „Galle der Bitterkeit” und in „Fesseln der Ungerechtigkeit”, wie Petrus jenem Zauberer Simon bedeutet hatte, der meinte, daß eine Übermittlung der Gabe Gottes, des Heiligen Geistes, durch Silbergeld zu erwerben sei (Apg 8. 18 - 24), womit die Nähe dieser Praktiken zur Zauberei angedeutet wird. Gier zu haben bzw. etwas zu begehren, was immer dies auch sei, bedeutet etwas für sich haben zu wollen und ist damit das volle Gegenteil der Liebe. Hier will man selbst etwas erwerben, was Gott auf diesem Wege nicht geben kann, und reißt damit an sich, was einem nicht gehört. Wenn dann sogar Geschwister um Geldes wegen angesprochen, ja unter Druck gesetzt werden, die ohnehin Mangel leiden, und man diesen Mangel auf das Ausbleiben von Zehnten- oder Opfergaben zurückführt, dann wird die Lieblosigkeit vollkommen gemacht. Wer so fordert, der wird zum Bedrücker; da er ihnen auf dem Wege geistlicher Nötigung das zum Leben Notwendige entzieht. Ein solches Vorgehen ist Raub, da man fordert, wo man geben sollte.

    Äußerst gefährlich wird ein solches Gebaren dann, wenn eine erwiesene Spende gewissermaßen zur Vorbedingung einer vollberechtigten Teilhabe an Gemeinschaft und Gottesdienst erklärt wird, der volle Zugang also erst erkauft werden muß. An dem oben angedeuteten Beispiel Simons, des Zauberers aus der Apostelgeschichte, hatten wir dies bereits erkannt. Jesus bezeichnete die, die solches taten, als Diebe, Wegelagerer und Mörder (Jo 10. 1 - 8). Das Wort „Wegelagerer” lautet im Griechischen léstes, Bandit. Mit diesem Wort wurden jene Räuberbanden bezeichnet, die überall im Lande anzutreffen waren, in allerlei Schlupflöchern an den Handels- und Pilgerwegen hausten, den Reisenden auflauerten, sie anhielten, ausraubten und meistens umbrachten. Dieses Wort nun verwendet Jesus für jene, die als Käufer und Verkäufer auftraten, die dem Herzukommenden auf dem Weg in den Tempel in einer Weise Barrieren errichteten, daß er nicht an ihnen vorbeikommen konnte. Sie waren, es, bei denen der Herzukommende zu kaufen hatte, wenn er Gott ein Opfer darbringen wollte und nichts Eigenes dabei hatte. Sie waren es, die aus dieser Wesenhaftigkeit des Kaufens und Verkaufens lebten, die ihr ganzes Leben auf dieser Grundlage führten und von ihr profitierten, bezogen sie doch ihren Lebensunterhalt aus dem Glauben Anderer.

    Und so finden sich innerhalb dieser Definition
schließlich auch diejenigen wieder, die der Herr Jesus, mitsamt den Opfertieren und mitsamt denen, die bei ihnen kauften, mit der Peitsche aus dem Tempel trieb, indem Er ihre Tische umwarf und ihr Wechselgeld ausschüttete, mit dem Vermerk, das Haus des Vaters nicht zum Kaufhaus zu machen (Jo 2. 13 - 17). Hatten sie doch diesen Tempel, der das Haus des Gebets und der Gemeinschaft mit Gott sein sollte, in ihrer Geschäftigkeit zu einer Höhle der Wegelagerer verkommen lassen (Mt 21. 13, Mk 11. 15 - 17 u. a.). Hatte der doch keine Stimme, der keinen Zugang, der nicht bei ihnen kaufte, als er in den Tempel ging. War der doch rechtlos und galt als zweit- oder drittrangig, der seinen Obolus nicht entrichtet hatte und nun ohne Opfer dastand. War denn nicht zu opfern, um Zugang zu Gott zu erhalten? Und mußte man es nicht selbst erwerben, wenn man keines hatte – bei jenen Verkäufern, die in der Vorhalle zum Tempel saßen, an dem Weg, der vermeintlich zu Gott führte und auf dem alle zu gehen hatten? Und das Ganze geschieht noch immer – auch heute noch – unter dem Vorzeichen einer Religiosität, die man Glauben, ja Gottesdienst zu nennen wagt.

    Ein solches Fordern ist, da es von anderen begehrt, voll und ganz aus Selbstsucht geboren; es kennzeichnet in besonderem Maße den Weg des Sich Erhebens über andere, und des darin enthaltenen Zurücksetzens, des Hassens von Bruder und Schwester. Haß, der dadurch gekennzeichnet ist, daß er den Bruder an die zweite Stelle setzt, ist Mord. Wer den Bruder und die Schwester abqualifiziert, ins gemeinschaftliche Abseits drängt und mundtot macht, da sie gewissen Forderungen nicht genügen können, der mordet sie; er verachtet, ja tötet die Gabe, die Gott in sie hineingelegt und mit ihnen in den Christuskörper hineingesetzt hat (Eph 4. 7 - 8). Johannes nennt in seinem ersten Brief die, die den Bruder nicht lieben, Kinder des Widersachers und, da sie sich in dem beschriebenen Haß, dem Zurücksetzen des Bruders befinden, Menschentöter. Dieser Weg entspricht dem Weg Kains, der seinen Bruder erschlug, da seine Werke böse waren, die des Bruders aber gerecht (1Jo 3. 10 - 16). Es bleibt dabei: wo Dinge gefordert werden, immer mit einer drohenden Zurücksetzung im Hintergrund, wenn der Forderung nicht entsprochen wird, da wurde der Weg der Liebe lange schon verlassen. Denn Liebe steht herab, demütigt sich unter den Nächsten, indem sie ihm gibt, wessen er bedarf. Forderung aber stellt sich über ihn und begehrt, indem sie das, wessen er bedarf, von ihm haben will!

    Die Liebe jedoch fordert niemals für sich; statt dessen ist sie stets bereit, dem Anderen nachzulassen. So läßt sie auch das Obergewand, wo man das Untergewand nimmt, und geht auch eine zweite Meile, wo nur eine verlangt wird (Mt 5. 41). „Alles gibt sie auf, alles glaubt sie, alles erwartet sie, alles erduldet sie” (1Kor 13. 7). Wie wir sahen, zeigt der, der für sich fordert, damit an, daß er sich nicht in der Liebe befindet. Fordert er dann gar Liebe ein, macht er gewissermaßen die Quadratur des Kreises perfekt. Dieses Verhalten erinnert in makabrer Weise an den Preußenkönig Friedrich I., den man auch den „Soldatenkönig” genannt hatte. Ihm wurde nachgesagt, daß er über seinen Soldaten zwar ein grausames Regiment führte, gleichermaßen aber gefordert haben soll: „Lieben sollt ihr mich, lieben!”, was wir in zeitgenössischen Karikaturen verewigt sehen, auf denen Friedrichs Konterfei, hoch zu Roß, die Peitsche schwingend und auf einen Soldaten einprügelnd, abgebildet worden ist. Dieses Beispiel ist sicherlich überhöht, zeigt aber die Unmöglichkeit, ja geradezu die Possenhaftigkeit eines solchen Verhaltens auf. Im Reich Gottes aber ist ein solches Gebaren ganz und gar ausgeschlossen. Nicht von ungefähr finden wir im Neuen Testament zahlreiche Aufforderungen zu lieben, sich zu den Geringen herabzuhalten, niedrig gesonnen zu sein, sich unterzuordnen; doch eine Anweisung, die uns dazu anhielte, Unterordnung zu fordern, die werden wir vergeblich suchen.

    Denn wer so fordert, der verkehrt das Gebot Gottes, den Anderen höher zu achten als sich selbst (vgl. Phil 2. 3), in sein Gegenteil und fällt damit aus Gottes Ordnung, aus Seiner Herrschaft heraus. Sein Weg wird dem Weg Gottes nun völlig entgegengesetzt: stellt er sich damit doch über die, von denen er begehrt; und als solcher lebt er im Zustand des Nicht Herabstehens und damit im Unfrieden. Er lebt nicht nur selbst im Unfrieden, sondern er erzeugt und verbreitet ihn; so bringt er auch jene mit hinein, von denen er Gehorsam erwartet. Wer von Geschwistern Unterordnung verlangt, statt sie ihnen zu gewähren, der verletzt sie. Denn damit erhöht er sich über sie und sucht sie zu beherrschen: so zerstört er den Frieden in erheblichem Maße. Dieser Weg steht im diametralen Gegensatz zum Weg Jesu, der Sich unter alle erniedrigte und zum Diener aller wurde. Im Weg eines solchen Forderns erkennen wir den Weg Satans, des gefallenen Morgensterns, der von jeher zum Himmel emporsteigen, seinen Thron über alle anderen Sterne erheben und damit Gott gleich sein wollte (Jes 14. 12 - 13). Der Weg Gottes ist immer der des Hingebens und darin auch der des Empfangens, der Weg Satans aber der des Begehrens und des An-Sich-Reißens (vgl. Mt 11. 12).


    Wer Satan Raum gibt, indem er nicht herabsteht, gibt dem Chaos Raum. Chaos und Durcheinander sind Merkmale der Wirkungsweise Satans, des diabolos, des Durcheinanderwerfers (Jes 14. 17). Es entspricht demnach dem Prinzip des Durcheinanderwerfers, die Ordnungen Gottes in ihr Gegenteil zu verwandeln: Das, was sich herab-bewegen und dienen soll, wird nun in ein Begehren nach oben umgekehrt und umgedeutet. Hier, während im Äußerlichen alles noch in bester Ordnung scheint, fängt das Chaos an, beginnt der sich in unserem Leben auszuwirken, dem wir durch unser falsches Verhalten Zutritt gewährt haben. Der Hausrat dessen schließlich, der das Haus – ein Bild für das menschliche Herz – bewohnt, charakterisiert stets den Hausherrn (vgl. Lk 11. 21 - 26). Er ist damit Ausdruck dessen, wem wir Anrechte in unserem Leben übereignet haben. Da mag es eine straff organisierte, bis ins Letzte hinein durchkontrollierte äußere Ordnung geben, für eine Zeit lang; sie vermag jedoch die innere Unordnung nicht zu überdecken, die Leere des Herzens nicht auszufüllen. Irgendwann wird diese innere Unordnung durchschlagen und sich im Äußerlichen manifestieren, geistliches und menschliches Chaos, Streit, Härte, Krankheiten, Mangel, Kälte, Einsamkeit und vieles andere mehr erzeugen; und dies um so mehr, je weiter der Grad der äußerlichen Organisation steigt. Wo der Friede geraubt wurde, kann Reich Gottes nicht sein; das Reich Gottes ist „Gerechtigkeit, Friede und Freude in Heiligem Geist” (Rö 14. 17). An der Frucht erkennt man den Baum, d. h. nicht an der Menge, sondern an der Art eines Ertrages (Mt 12. 33).

    Frucht ist etwas, das wir, und damit auch der Bruder und die Schwester, gewissermaßen essen sollen. Sie ist Nahrung und muß daher, bildlich gesehen, für alle genießbar, nahrhaft, wohlschmeckend, in geistlichem Sinn auferbauend sein. Trägt ein Baum zwar reichliche, aber ungenießbare Frucht, so ist er, nach der Maßgabe Jesu, dennoch ein schlechter Baum. So erzeigt sich auch echte Frucht des Reiches Gottes nicht an den vorgelegten Erfolgszahlen, den eindrucksvollen Gebäuden oder der gefüllten Gemeindekasse, sondern an dem Vorhandensein geistlicher Merkmale, die Kennzeichen dieses Reiches sind. Wo Geschwister in eine Struktur hineingezwängt werden, um etwas zu tun, wozu sie sich nicht von Gott geleitet wissen, und ihnen gleichermaßen untersagt wird, das zu tun, zu leben und zu sein, was Gott ihnen ins Herz gelegt hat, werden sie sich schwerlich in der Gerechtigkeit, in dem Frieden und in der Freude befinden können. Das Reich, das man da zu bauen vorgibt, kann also schon aus diesem Grunde nicht das Reich Gottes sein. Zudem verkörpert dieses Reich Gottes Herrschaft, nicht aber die von Menschen, und ist nicht etwas, was auch nur irgendwie von Menschen erbaut werden könnte. Denn dann wäre es nicht mehr Sein Reich. Hier können wir entweder nur eintreten und in der Wirklichkeit Seines Reiches leben, oder aber wir begeben uns hinaus und bleiben draußen. Sind die Kennzeichen dieses Reiches nicht vorhanden, dann befindet man sich nicht in ihm; dann hat man, allem zur Schau getragenem Reichtum zum Trotz, den Weg verlassen, der uns als Weg der Liebe beschrieben wurde und zu dem wir angehalten worden sind (Phil 2. 1 - 8). Wo Paläste und äußerliches Repräsentieren begehrt, ja zum Maß der Dinge erhoben werden, da ist dieser Weg nicht zu finden, ist der Herr nicht daheim. Der Weg der Liebe ist dem gleich, den der Sohn Gottes beschritt, indem Er auf äußere Gestalt und Schönheit verzichtete (Jes 53. 1 - 3). Er ist immer der des Ablegens der eigenen Herrlichkeit, der (vermeintlich) eigenen Größe, des Ausgehens vom eigenen Recht, vom Thron; er ist immer der, der sich entäußert und sich zu den Geringen zählt.

    Hieran erkennen wir auch die wirkliche, die echte Unterordnung, soweit sie die menschliche Ebene betrifft: es ist nicht die, die in unseren Tagen so hochgehalten wird, nach der man sich unter Höheres, Überragendes, unter die „großen Apostel” etwa begibt, sondern die, die sich unter Niedriges stellt, und damit den anderen, den weniger geehrten erhöht, damit dieser mehr geehrt werde. Damit eröffnen sich die oben angezeigten, zwei verschiedenen Wege, die miteinander im Streit stehen und sich gegenseitig ausschließen. Hierbei handelt es sich um den Weg der Selbstsucht einerseits, der das in seinen Augen Höhere begehrt und sich demnach in einem vermeintlichen „Nach-Oben-Dienen” erzeigt [4], und um den Weg der Liebe anderseits, der der Weg des Herabhaltens und der dem Niedrigen zugewandten und bedingungslosen Hingabe ist. Hier haben wir ein Merkmal, das uns bei der Unterscheidung der Geister gute Dienste leistet: Falsche Demut ordnet sich immer allein Höherem unter, um von diesem befördert, d. h. selbst erhöht zu werden, während echte Demut sich immer auch Niedrigem unterordnet, um dieses zu erhöhen.

    Man kann dies auch abkürzen, indem man sagt, daß falsche Demut sich allein nach oben hin, echte Demut aber sich immer nach unten hin einordnet. Demut, ganz gleich, ob wahre oder falsche, ist ihrer Erscheinung nach immer Niedrig-Gesinnung (tapeino phrosunê). Das Wort wird sowohl für die echte (Apg 20. 19, Eph 4. 2, Phil 2. 3, Kol 3. 12, 1Ptr 5. 5) als auch für die falsche, selbsterwählte verwendet (Kol 2. 18). Jede Form von Demut wird also immer das Aussehen einer Unterordnung haben. Die Entscheidung über Wahrheit oder Trug liegt daher in der Beantwortung der Frage nach dem Woher, ob sie also von Gott her kommt und Ihn an die erste Stelle setzt, und der Frage, wohin sie sich unterordnet, was also ihre Ausrichtung, ihre Motivation kennzeichnet. Uns ist ja gesagt, daß wir Gott über alle Dinge lieben sollen und, was diesem gleichgesetzt wird, unseren Nächsten wie uns selbst, d. h. an unserer, an meiner Stelle, als ob er ich selbst sei (Mt 22. 37 - 40). Das Gebot der Liebe ist ein zweifaches; es wird nicht umsonst das „Doppelgebot der Liebe” genannt. Die Frage nach dem Woher und dem Wohin ist daher auch hier von entscheidender Bedeutung.



Achte auf die Brüder: aufsehen, nicht herabsehen

    „Doch was ist mit dem, der im ersten Timotheusbrief nach einem Aufseherdienst strebt?”, mag der Leser nun einwenden. Das Wort Aufseher lautet im Griechischen episkopos (wörtlich Auf-Achter). Der Achthabende ist er allerdings keiner, der über anderen steht und nun auf sie herabsehen darf, sondern einer, der auf andere acht gibt. Hier sollte der, der einen solchen Dienst anstrebt, fragen, für wen er da strebt, und diesen Fragen auch nicht ausweichen. Ist es ein Streben für mich selbst, oder ist es ein Streben für andere – denen ich, weil ich sie liebe, dienen will, indem ich, ihre Unversehrtheit im Blick behaltend, auf sie achte? Wen habe ich dabei im Blick? Will ich einen Posten, oder will ich dienen? Will ich erhoben werden, oder erhebe ich andere? Wer andere erheben und hochhalten will – und das sollten wir, wie wir sahen – darf nicht über ihnen stehen wollen, sondern muß sich viel eher unter sie begeben und sie tragen helfen. Unser Wort lautet Aufseher (von epi, auf oder hinauf), nicht Herabseher. Wer tragen will, muß sich dem Bruder untergeordnet haben; wer sich ihm überordnet, der stellt sich auf ihn, belastet ihn. Viele mögen es für erstrebenswert finden, eine „tragende Rolle” zu spielen und für eine „Säule der Gemeinde” gehalten zu werden; doch ist es schon ein gewaltiger Unterschied, ob jemand in obigem Sinne nur Last oder wirklich Säule, Tragender also sein will.

    Zwar ist auch dies eine Berufung, aber es ist eine, die niemand sich nehmen kann; und doch sollen wir alle Tragende sein, solche nämlich, die die Last des Bruders und der Schwester tragen helfen, um so das Gesetz Christi zu erfüllen. Da gibt es kein „Säulen-Bewußtsein” selbsternannter „Säulen-Heiliger”, die eine „ganz besonders tragende Rolle zu spielen” gedenken, sondern nur tätige und einander mitteilende Liebe. Das ist gewissermaßen unser himmlisches „Grundgesetz”, das sollte es sein. „Helft einander die Bürden tragen”, heißt es darin, „und erfüllt so das Gesetz des Christus”. Und weiter: „Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, wo er doch nichts ist, der betört sich selbst” (Ga 6. 2 - 3). Wer tragen will, der muß selbst auf festem Grund ruhen; gegründet werden wir jedoch nur in der Tiefe, im Untensein und Untenbleiben.


    Stärke und Festigkeit kommen dann, wenn Wurzel und Fundament stimmen. Wurzel und Fundament aber sind unten, nie oben. Der Ort, in den hinein wir wurzeln und gegründet sein sollen, ist die Liebe (Eph 3. 17). Wie die Wurzel das Erdreich durchdringt, weil sie nur so Nahrung finden kann, so ordnet sich auch die Liebe immer herab, nach unten; sie ist es, die liebt „wie sich selbst”; damit setzt sie den anderen an die eigene Statt. Dabei mag sie zwar von Gefühlen begleitet werden, hat selbst aber nichts mit Gefühlen zu tun. Liebe, die etwas für ein gutes Gefühl tut, ist keine Liebe, sondern gut versteckte Selbstsucht, da sie etwas für sich selbst sucht. Liebe geht in die Verborgenheit; sie rühmt sich nicht ihrer Taten und entzieht sich auch den Augen anderer. Sie hat überhaupt kein Interesse daran, groß aufzutreten. Wer sich rühmt, der rühmt sich des Fleisches (Ga 6. 12 - 14). Wer etwa große Schecks präsentiert, um gesehen zu werden, der sollte sich also fragen, wessen er sich da rühmt. Hier hat er die Antwort. Unsere Werke sollen wohl gesehen gesehen werden, durchaus; aber keineswegs der, durch den sie ausgeübt werden (Mt 5. 16). Ruhmsucht ist eine Eigenschaft des Fleisches, die es in jedem Falle abzulegen gilt; ist unser Fleisch doch allezeit auf der Lauer, um doch noch ein wenig Ehre für sich selbst einheimsen zu können:

    „Und wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen.”
1Kor 13. 3

    Liebe begehrt in keiner Weise. Sie ist auch kein Gefühl, denn Gefühle haben immer etwas mit der Empfindung dessen zu tun, was ich sehe und erfahre. Liebe hat „mit mir” nichts zu tun, und darum greifen auch all die scheintheologischen, in Wahrheit aber
psychologischen Konzepte nicht, die die Selbstliebe als Grundbedingung dafür setzen wollen, andere lieben zu können. [5] Liebe, die nicht von sich wegsieht, ist keine Liebe, sondern religiös verbrämte Selbstsucht. Insofern ist sie zuallererst Entscheidung; und gerade darum setzt sie nicht aufs Gefühl, sondern sie stellt Gott und den Nächsten immer an ihre eigene, die erste Stelle. Dabei freut sie sich nie über die Ungerechtigkeit, sondern stets mit der Wahrheit (1Kor 13. 6). Ist diese Ausrichtung nicht vorhanden, handelt es sich nicht um Liebe, sondern bestenfalls um Gefühlsduselei. Gefühle tragen nicht; die Liebe schon. Wer tragen will – und das sollen wir (Ga 6. 2) der muß dort gegründet sein, damit sein Lebenshaus nicht zusammenbricht und, was noch viel wichtiger ist, dieser Zusammenbruch auch bei Anderen keinen Schaden anrichtet.

    Damit ist Liebe immer Nächstenliebe. Die von vielen propagierte
Fernstenliebe, die sich anhand diverser „Projekte in Übersee und anderswo” profiliert, während der Nächste oft die Hilfe nicht bekommt, derer er bedarf, hat damit jedoch recht wenig zu tun. Damit ist nicht gesagt, daß man nichts für Geschwister in entfernteren Gegenden tun sollte. Liebe braucht jedoch Beziehung, und die wird nur möglich durch Zusammenleben, durch ein tägliches Gegenüber. Es ist also wichtig, die diesbezüglichen Prioritäten zu erkennen und zu setzen. Wer stets versucht, „auf allen Hochzeiten zu tanzen, statt in dem treu zu sein, in das Gott ihn vor Ort nun einmal gestellt hat, der wird wohl nur schwerlich der Verantwortung entsprechen können, die Gott ihn zu tragen anvertraut hat, womit wir beim Wort „tragen angelangt wären. „Tragen” hat ganz offensichtlich etwas mit Lasten zu tun. Die Lasten, die zu tragen wir angehalten sind, sind nach Galater 6. 2 die Bürden der Geschwister. Es geht dabei also um andere und nicht um mich. Will ich nun tragen, oder will ich getragen werden?

    D
ie Brüder gilt es zu tragen, nicht aber einen Titel. Viele tragen einen Titel vor sich her und belasten damit die Brüder, die nun dem Titel dienen sollen. Lege ich besonderen Wert auf einen Aufkleber, der mit der Bezeichnung „Pastor” versehen ist (oder mit dem, was die heutige Gemeindelandschaft an Hervorhebungen sonst noch feilzubieten hat)? Meine ich nun, in der angeblichen „Kraft” und „Vollmacht” dieses Etiketts etwas zu sagen zu haben, und die Gemeinde regieren zu dürfen, oder will ich den Geschwistern ein wirklicher Hirte sein (1Ptr 5. 1 - 4)? Ist es mein Bestreben, daß die Geschwister sich wohl befinden, daß sie allezeit gute Weide haben, daß sie sich nicht verletzen, oder habe ich nur meine eigene Unversehrtheit im Auge? Begehre ich, das Verwundete zu pflegen, das Kranke zu behandeln, das Schwache zu nähren, das Starke zu erhalten, oder mäste ich mich selbst? Bin ich bereit, die neunundneunzig zurückzulassen, um dem einen, das sich verlaufen hat, nachzugehen, oder suche ich Gewinn in Zahlen? Will ich mein Leben für die Brüder lassen, oder will ich, daß sie ihr Leben für mich lassen? Will ich den Geschwistern ein guter, ein geistlicher Versorger sein, oder will ich, daß sie mich gut versorgen? Was will ich, und was willst Du? Ein Aufseher, das ist ein Tätigkeitswort – das ist kein Posten, keine Position, derer wir uns nun etwa rühmen dürften, sondern eine Aufgabe um der Geschwister willen, es ist eine Arbeit (1Tim 3. 1ff).

    Die Bezeichnung eines Amtes, wie wir sie kennen, wirft hier Schwierigkeiten auf. Wohl hat man eine solche Benennung, als gehe es hier – gewissermaßen unausgesprochen – um eine besonders zu ehrende Respektsperson, in diverse Übersetzungen immer wieder hineininterpretiert, doch im Grundtext ist sie so nicht vorhanden. Auch das viel gepriesene „Bischofsamt” ist eher eine klerikale Verballhornung des Wortes episkopos, als daß es damit tatsächlich korrekt wiedergegeben werden würde. Hier geht es lediglich um eine Arbeit, die darin besteht, auf Geschwister achtzuhaben; eine Tätigkeit übrigens, die der Hebräerbrief allen Gliedern ans Herz legt (Hbr 10. 24). Das andernorts mit Amt wiedergegebene Wort leiturgia ist wörtlich mit Volk-Werk zu übersetzen (von laos, Volk und ergon, Arbeit zusammengesetzt) und bezeichnet einen in der Öffentlichkeit und für die Öffentlichkeit ausgeführten Dienst. Im Gemeindezusammenhang kennzeichnet es einen Dienst an Geschwistern und gleichermaßen einen Dienst für oder an Gott. So wird dieses Wort einerseits für eine ausgeführte Handreichung oder Hilfeleistung für Andere verwendet, so in 2Kor 9. 13, wo es um die Dienstleistung, die leiturgia einer Geldsammlung geht, die die Korinther für Geschwister in Achaja und Mazedonien zusammenlegen sollen.

    Römer 12 bezeichnet andererseits unsere Bereitschaft, unsere Körper als lebendige Opfer Gott, und damit den anderen Gliedern des Christuskörpers zur Verfügung zu stellen, als folgerichtigen (auch: dem Wort oder der Lehre gemäßen) Gottesdienst, als leiturgia (Rö 12. 1). Leiturgia ist es demnach, wenn ein jeder dem jeweils Anderen mit der Gabe dient, die er empfangen hat (1Ptr 4. 10). Mit einem besonderen, anderen vorgesetzten Amt hat all dies jedoch nichts zu tun. Ämter, die um ihrer Stellung willen besonders zu achten sind, mag es in der Welt geben; genau dort, insofern sie Bestandteil der uns regierenden Obrigkeiten oder Vorgesetzte sind, gehören sie hin, dort sind sie von Gott verordnet, dort sind sie als solche zu respektieren, und dort wird der ein Urteil empfangen, der ihren Anordnungen widerstanden hat (Rö 13. 1 - 7). Im Reich Gottes aber, in der Gemeinschaft der Heiligen, gibt es keine Position, die einen Menschen jemals über einen anderen stellen würde – Er, Jesus allein, ist unser Meister, wir alle aber sind Brüder (Mt 23. 8 - 12). Wollen wir nun andere erheben, oder wollen wir uns von anderen erheben lassen? Wollen wir Diener aller, oder wollen wir vorne, „oben” sein?


    Wenn wir aber einen vorderen Platz auch nur begehren, dann haben wir bereits die Liebe verlassen, dann sind wir auch dabei, uns selbst zu erhöhen. Denn in diesem Begehren wollen wir uns auf einen Platz setzen, der anderen zusteht. Damit verdrängen wir sie und setzen sie zurück. Zurücksetzen, das ist Haß; Haß aber ist Mord, wie Johannes schrieb, und wie dies im vorigen Kapitel bereits herausgestellt worden ist. Das Wort hassen, miseo, bedeutet ein an die zweite Stelle setzen, während Liebe ein An-Die-Erste-Stelle-Setzen verkörpert. Wer andere haßt, also an die zweite Stelle verweist, mordet sie; er selbst aber bleibt, da er die erste Stelle für sich selbst begehrt, im Tode (vgl. Ga 6. 7 - 8).

    „Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben hinübergegangen sind, denn wir lieben unsere Brüder. Wer nicht liebt, bleibt im Tode. Jeder, der seinen Bruder haßt, der ist ein Menschentöter, und ihr wißt, daß jeder Menschentöter kein äonisches Leben bleibend in sich hat”.

    Johannes fährt nun jedoch fort, indem er uns den Weg der Liebe beschreibt, den Weg also, der den Bruder an die erste Stelle setzt und damit auf das Leben für sich selbst verzichtet:

    „Darin haben wir die Liebe erkannt, daß jener Seine Seele für uns niedergelegt hat. So sollen auch wir unsere Seelen für die Brüder dahingeben.”

1Jo 3. 14 - 16



Der ausgegossene Trank: vom Tode zum Leben

    Wie aber sieht dieses Niederlegen der Seele aus? Wir erkennen, was unser Herr meinte, als Er davon sprach, daß es Sein Gebot sei, daß wir einander liebten, und fortfuhr:

    „Größere Liebe kann niemand haben, als die, daß jemand seine Seele für seine Freunde hingibt.” (Jo 15. 13)

    Hier geht es um wesentlich mehr als um das Befolgen einer sogenannten „Liebe”, die uns von gewissen „Lehrern” schmackhaft gemacht werden soll, die jedoch nichts anderes ist als gut getarnte, religiös verbrämte Selbstsucht, die sich selbst an die erste Stelle setzt und daher als scheingeistlicher Egoismus zu entlarven ist [5]
. Hier geht es auch nicht so sehr um das einmalige Sterben für Andere, obwohl dies in einem solchen Lieben enthalten sein mag; hier geht es, da unser Seelenleben, im Griechischen die psychê angesprochen wird, um ein tägliches Niederlegen des Eigenen, des Selbst, um der Brüder willen – das Sterben eigener Interessen und Ziele. Es geht bei solchem Lieben also gerade nicht darum, die eigene Seele zu suchen, sondern, sie aufzugeben! Wir erkennen schnell, zu dem wir selbst nicht fähig sind, steht es doch unserer menschlichen Natur entgegen; es muß uns wahrlich geschenkt werden. Denn die hingebende Liebe, die agape, die als Bestandteil der Gottesliebe hierzu notwendig ist, wurde dazu

    „ausgegossen... in unseren Herzen durch den uns gegebenen Heiligen Geist” (Rö 5. 5).

    Das für ausgegossen verwendete Wort ekcheo meint ein regelrechtes Sich-Ausschütten, das bis zur Neige, bis zum völligen Auszehren geht, was durch die Vorsilbe ek- ausgedrückt wird, die ein vollkommenes Ausgehen aus einem Seinszustand anzeigt. Beispielsweise lautet das griechische Verb für den Ausgang oder das Ende eines Verhaltens, das in Hebräer 13. 7 verwendet wird, ekbasis. Hier wird also das Verlassen eines Bereiches, einer Basis angezeigt, im Zusammenhang des Hebräerbriefes das Ende des Wandels, d. h. der Tod derer, die uns ein Vorbild hinterlassen haben und deren Glauben wir in unserem Wandel nachahmen sollen. Das ausgegossene Gefäß ist leer, nachdem es ausgegossen wurde. So sehr hat Gott uns Seine Liebe erwiesen, daß Er diese Liebe völlig darbrachte und in unsere Herzen ausgoß, sie voll und ganz ausgeschüttet, ausgeleert hat und dabei nichts für sich zurückhielt, bis in den Tod hinein. Die Schrift läßt uns demnach nicht im Unklaren darüber, wie es um diese göttliche Agape-Liebe bestellt ist, in der wir nun wandeln sollen:

    „Als geliebte Kinder werdet nun Nachahmer Gottes und wandelt in Liebe, so wie auch Christus euch liebt (oder: geliebt hat, hier wird der Aorist verwendet, eine zeitlose Handlung also angezeigt), und Sich Selbst für uns als Darbringung und Opfer für Gott dargebracht hat, zu einem duftenden Wohlgeruch.”
Eph 5. 2

    Nachahmer Gottes sollen wir sein, in derselben Liebe wandeln, in demselben Ausgeschüttetsein, in dem auch Christus wandelte und Sich uns Selbst darbrachte, Gott zum völligen Opfer, allen aber zum Trank werdend, da es bei dieser Liebe wesensmäßig um ein Ausgießen geht. Darum ist Sein Blut auch der wahre Trank, der zum Leben führt. Paulus kommt, was heute meistenteils übersehen wird, in seiner Terminologie ganz eindeutig von der Opfergesetzgebung des Alten Bundes her, nach der die Gott dargebrachten Opfer verbrannt wurden und in Rauch aufgingen – Gott „zu einem lieblichen Geruch”.


    Denn, was viele von uns vergessen zu haben scheinen: Paulus war Jude, Pharisäer vom Stamm Benjamin; er hatte bei einem der besten Schriftgelehrten seiner Zeit, Gamaliel, gelernt und wußte über diese Dinge genauestens Bescheid. Wohl nur wenige, unser Herr ausgenommen, waren im Gesetz so bewandert wie die ersten Apostel. Ganz so, wie diese Opfer des alttestamentlichen Tempels in Rauch aufgingen, gab Sich auch Christus „für uns als Darbringung und Opfer für Gott” hin „zu einem duftenden Wohlgeruch”. Und in einem ebensolchen Lieben sollen auch wir uns befinden, in einer solchen Liebe, in der wir als Ganzopfer für den Christus, bestehend aus Haupt und Gliedern, ausgeschüttet werden und für andere völlig in Rauch aufgehen, wonach – aus eigener Quelle – weder für uns noch von uns selbst etwas übrig bleibt. Nicht Selbstverwirklichung, sondern Selbstaufgabe ist demnach der Weg, den wir zu gehen haben. In demselben Sinn schreibt der schon alternde, seiner irdischen Vollendung entgegenschreitende Paulus an Timotheus, daß er als Trankopfer ausgegossen werde und der Zeitpunkt seiner Auflösung bevorstehe, und fährt fort:

    „Den edlen Ringkampf habe ich gerungen, den Lauf habe ich vollendet, den Glauben habe ich bewahrt.” (2Tim 4. 6 - 7).
 
    Paulus hat doch eine so ganz andere Definition des Glaubens, als die, die uns heute vielfach schmackhaft gemacht werden soll. Was alles bezeichnen dagegen wir als Kampf, als Glauben oder als Vollendung! Wie meilenweit sind wir doch von Paulus entfernt mit unserer Pflege jener Begehrlichkeiten, die uns vielfach als „Glaube” verkauft worden sind! Und weiter, nachdem er auf sein völliges Aufgelöstwerden, auf seinen Weg als dem eines ausgegossenen Trankopfers hingewiesen hat, sagt er:

    „Hinfort aber ist mir der Siegeskranz der Gerechtigkeit aufbewahrt, mit dem der Herr, der gerechte Richter, es mir an jenem Tag vergelten wird; nicht allein aber mir, sondern auch allen, die Sein Erscheinen geliebt haben.”
2Tim 4. 8

    In einem solchen Wandel wird jenes Wort des Herrn wirksam, wonach der, der das Leben der Seele – seine psychê – retten will, sie verlieren, der aber, der sie verlieren (wörtlich apollumi, ganz-weglösen) wird, sie wiedergewinnen wird (Mt 10. 39, 16. 25; Mk 8. 34 u. a.). Und diese Worte stehen im Zusammenhang mit der Aufforderung, sich selbst zu verleugnen, Ihm nachzufolgen und, nach Lukas 9. 23, täglich, das heißt also Tag für Tag sein Kreuz aufzunehmen – jenes Hinrichtungsinstrument, das der Hinrichtung der eigenen Person, des Ich, des eigenen Ego dient. „Tag für Tag sterbe ich”, sagt Paulus (1Kor 15. 31). „Zusammen mit Christus bin ich gekreuzigt; ich lebe aber, doch nicht mehr ich, sondern in mir lebt Christus” – das ist fortan die Parole (Ga 2. 20).


    Diese Liebe aber ist es, die wir zu geben schuldig sind; wir sind und werden darin immer Schuldner bleiben (Rö 13. 8). Liebe beinhaltet ein Ausgeschüttet werden des Selbst für den Nächsten, wie wir gerade sahen; so bedeutet sie auch, von sich selbst herabzustehen, und den ersten Platz immer für den Bruder auszuwählen, indem sie selbst von diesem Platz Abstand nimmt. Ihr Weg begehrt, da sie sich selbst gestorben ist, nichts für sich; und so begnügt sie sich selbst mit dem Geringeren, während sie dem Nächsten das Größere zueignet. Stellen wir uns aber über den Bruder, dann kehren wir diesen Weg um; wir verlassen des Weg des eigenen Gestorbenseins, der uns doch zum Leben gereichen sollte, und werden statt dessen zum Absetzer, zum Mörder des Bruders, den wir doch eigentlich höher achten sollten als uns selbst (Phil 2. 4). Hier wird das Wort hyperecho gebraucht; es bedeutet überragend sein, darüber stehen und wird etwa für die regierende Obrigkeit, Rö 13. 1, und den über allen stehenden König, 1Ptr 2. 13 verwendet. Die Frage sollten wir uns durchaus einmal stellen: Ist unser Bruder, ganz gleich, wer auch immer er sei, in unseren Augen ein König, ist die Schwester eine Königin? Ist der Bedarf unseres Bruders, unserer Schwester uns Befehl? Oder wollen wir gerne selbst Könige sein? Erheben wir uns so über den Anderen, anstatt sich unter ihn zu stellen, werden wir von ihm, der in unseren Augen nun zum Geringeren wurde, immer auch eine Unterordnung fordern, sei es nun direkt, indem wir von ihm fordern, oder sei es indirekt, indem wir dies stillschweigend voraussetzen und uns ihm gegenüber dementsprechend verhalten.

    Auf diesem Wege entziehen wir ihm gerade die Liebe; wir morden, und geraten selbst auf die Bahn des Todes. Wie schrieb doch Johannes? „Wer nicht liebt, der bleibt im Tode” (1Jo 3. 14)! Wollen wir unsere Seele doch nicht aufgeben, ganz-weglösen, wie es im Griechischen hieß, sondern sie retten; so werden wir sie nach dem Wort des Herrn unweigerlich verlieren. Nicht ohne Grund hat Paulus darauf hingewiesen, daß der Christuskörper verunehrt wird, wenn der Bruder und die Schwester, die bedürftig sind, die also die „weniger geehrten” zu sein scheinen, nicht beachtet werden, während man gleichzeitig zum Mahl zusammenkommt (1Kor 11. 17 - 29). Das Mahl des Herrn spricht von der Einheit des einen Körpers, des einen Brotes, von dem alle essen, und des einen Kelches, aus dem alle trinken und an dessen Leben alle teilhaben (1Kor 10. 16 - 17). Was aber ist das für eine Einheit, wenn der eine noch hungrig ist, während der andere schon berauscht ist? Wie können wir übereinstimmen, solange die einen Überfluß haben, während Andere Mangel leiden? Hier mag man wohl noch im Äußerlichen zusammenkommen; doch die Gemeinschaft des Körpers, die eine Liebes- und Lebensgemeinschaft sein sollte, ist in der Lebenswirklichkeit aufgehoben, ist zertrennt. Aus diesem Grunde war es innerhalb der Versammlung dann auch zur Sektenbildung gekommen (1Kor 11. 17 - 18), die man in den Zusammenkünften zum Herrenmahl offenbar zu übertünchen suchte. Paulus nennt ein solches Zusammenkommen ein „unwürdig Essen und Trinken” und erklärt:

    „Deshalb gibt es viele Schwache und Sieche unter euch, und eine beträchtliche Anzahl ist entschlafen” (1Kor 11. 30).

    Auch hier erkennen wir unsere zwei Wege wieder. Hier ist es der Weg des Todes oder der Weg des Lebens. Der Weg des Lebens aber, der führt immer zuerst durch den eigenen Tod, dem Weg des Herabstehens von der eigenen Seele: Welchen Weg möchten wir einschlagen?



Beistand der Freunde, Herabstand im Segen: Siehe!

    So erkennen wir, daß jeder Weg seine Konsequenzen hat. Denn nur der, der herabsteht, sich also selbst erniedrigt, den kann Gott erhöhen. Wer aber sich selbst erhöht, indem er nicht herabsteht, der wird erniedrigt werden. Wer sich dagegen erniedrigt, indem er von vorderen Plätzen herabsteht, das heißt, indem er von vornherein auf sie verzichtet, der wird erhöht werden, und zwar auf des Herrn Art und Weise und zu Seiner Zeit; „Freund”, nennt ihn dann der Herr (Lk 14. 8 - 11). So sollten wir nun in dieser Weise gegenseitig herabstehen, d. h. einander unterordnen, indem wir uns an das Niedrige halten, und uns darin als rechte Freunde Jesu erweisen. Die Freunde, nicht die Knechte sind es aber, denen Gott Geheimnisse anvertrauen kann (Jo 15. 15). Wenn alle Glieder des einen Körpers in Eintracht beieinander wohnen, dann sind ihnen gewaltige Zuteilungen des Heiligen Geistes verheißen; sie sind es, denen der eine Gott, da Ihm nun der ganze Leib ergeben ist, den Geist ohne Maß geben kann (Jo 3. 34). Bereits in Psalm 133 wird dies vorbildlich angezeigt:

    „Siehe, wie gut und lieblich (wörtlich: beistehend) ist es, wenn Brüder auch miteinander wohnen. Es ist wie das gute Öl auf dem Haupt, herabfließend auf den Bart, Aarons Bart, der herabfällt über den Saum seiner Mäntel. Es ist wie der Nachttau des Hermon, der herabsinkt auf die Berge Zions; denn dorthin hat Jahwe den Segen geboten, Leben für den Äon”.

    Gottes Art ist immer eine Bewegung des Herab, von Ihm zu uns, nicht umgekehrt; Er ist es, der uns von oben her segnet. Sein Sohn Jesus verließ die Herrlichkeit, kam zu uns herab und nahm die Gestalt eines Sklaven an (Phil 2. 7). Darin wird Sein Beistehen deutlich. Deshalb ist es nicht umsonst wird uns dies einzuhalten in Phil 2. 5ff. ans Herz gelegt ja gerade so wichtig, daß wir uns in derselben Ordnung des Beistehens befinden, in jener Herabbewegung, in der sich auch Gott befindet und in der Er uns nur segnen kann. In unserem Psalmwort begegnet uns dieses geheimnisvolle Herab Gottes gleich dreimal, um dann in den Segen, den Zuteilungen des Lebens hinein zu münden. Es ist das Salböl des Heiligen Geistes, das in demütiger Weise herabfließt, wie gleichnishaft auch der Bart Aarons herabfällt, einem Bild für das Wort, das aus Gottes Mund herabquillt und auch die tiefsten Tiefen, den Saum der Mäntel erreicht. Der Tau des Hermon, ein Bild für geistliche Erfrischungen, sinkt herab auf Zions Berge. Dies ist im körperlich Sichtbaren eine Verheißung, die Israel gegeben wurde und ihm auch weiterhin gilt; genauso aber, da wir in den göttlichen Ölbaum eingepfropft worden sind und nun an den Verheißungen Israels Anteil haben dürfen, ist es auch ein geistliches Bild für den Leib Jesu als dem Teil, den Gott aus den Nationen herzugerufen hat. Gottes Segnungen kennzeichnen immer ein Herab, und allein in diesem Herab auch ein Hinauf, da allein so das zuunterst Stehende erreicht und damit wiederum erhoben wird. Immer begibt sich das Obere zuunterst, um das, was unten ist, zu segnen.  „Denn dorthin” – hinein in diese Lebenswirklichkeit – „hat Jahwe den Segen geboten, Leben für den Äon”.

    In dieser Weise allein werden die Gnadengaben Gottes offenbar.

    „Jedem einzelnen von uns aber wurde die Gnadengabe nach dem Maß des Geschenks Christi gegeben. Darum heißt es: in die Höhe aufgestiegen, hat Er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben (siehe Ps 68. 18 - 19). Das ‘Er stieg hinauf’ aber, was besagt es anderes, als daß Er zuvor auch in die Niederungen der Erde hinabgestiegen war? Er, der Hinabgestiegene, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist, hoch über alle Himmel, um das All (ta panta=alles, das Ganze) zu vervollständigen.”
Eph 4. 7 - 10

    So verstehen wir umso mehr, weshalb der Herr sagte:

    „Wenn Ich von der Erde erhöht bin, werde Ich alle zu Mir ziehen. Das aber sagte Er, um anzudeuten, welches Todes er demnächst sterben sollte.”
Jo 12. 32 - 33

    Für das Hinab Gottes und das in ihm liegende Hinauf ist Jesus das stärkste Vorbild. Allein in dem Herab Seiner Erniedrigung bis hin zum Tode, ja zum Tode am Kreuz (Phil 2. 8), liegt auch die Gewähr dafür, daß alle zu Ihm hinaufgezogen werden. Nur so können Seine Gaben empfangen und auch erhalten werden. Denn nur auf diesem Wege ist es möglich, daß Sein Leib Segen empfängt, indem das Niedrige erhöht und hinaufgeliebt wird. „Beistehend”, hieß ja das Psalmwort, um das es hier geht. Beistand ist der dem Geringen zugewandte Herabstand von dem Eigenen. Herabstand kennzeichnet das Wesen der Liebe, die sich in solchem Beistehen äußert, indem sie das Eigene verläßt, sich selbst erniedrigt und sich damit dem Geringeren selbst gibt. So gilt es in diesem Sinn, mit Christus herabzusteigen, hinab in das Unterste, nach menschlichem Ermessen Kleine und Geringe, damit SEINE Gaben unter uns offenbar werden. Denn gerade die uns als schwach, als weniger geehrt, als benachteiligt erscheinenden Glieder sind es ja, die besonderer Ehre bedürfen,

    „damit keine Spaltung im Körper entstehe, sondern die Glieder dieselbe Sorge füreinander haben” (1Kor 12. 22 - 25).

    Hier wurde uns eine Medizin gegen die Zerrissenheit der Gemeinde gereicht, die nicht in dem Betonen der sogenannten „großen Männer Gottes”, von „Paulus, Apollos und Kephas” (1Kor 1. 12) besteht, sondern in dem Herabhalten, dem Herabstehen zu dem Niedrigen, zu dem, was nichts in dieser Welt ist und dort auch nichts sein will.
Bei Gott geht es immer hinauf, indem es hinab geht. Hier gilt der Satz: Wer hören kann, der höre!


Unherabstand, der Stolz der Sonntagsredner

    Wir wollen nun unsere Gedanken wieder ein wenig mehr auf unseren Ausgangstext aus 1Kor 14. 33 lenken. „Denn Gott ist nicht der Gott des Unherabstandes, sondern des Friedens”, heißt es da wortgenau nach dem Grundtext, und zwar sowohl bezüglich des gemeinsamen Ausübens der Geistesgaben, als auch bezüglich des Vermögens, gerade dann zu schweigen, wenn einem anderen etwas geoffenbart wird (Verse 26 - 32). Nun wird also sichtbar, was jene Unordnung kennzeichnet, die es hier abzulegen gilt. Akatastasía, Unherabstand ist eigentlich ein Agieren nicht in der Demut, sondern in einem in eigenen Augen Überragend Sein, allen anderen gegenüber. Derjenige, der nicht herabsteht, d. h. der also den anderen Gaben gegenüber nicht demütig gesonnen ist, ist ein solcher, der nicht aufhört, wenn Schweigen geboten ist, der allein reden will. Hier geht es in Wirklichkeit also um Überheblichkeit den Gliedern gegenüber, durch die Gott auch noch etwas zu sagen hat. Damit handelt es sich also ganz handfest um mangelnde Demut, um Stolz, um Überhebung. Dazu heißt es bekanntlich:

    „Gott widersetzt Sich dem Stolzen; den Demütigen aber gibt Er Gnade” (Ja 4. 6). Stolz wird von Gott nicht etwa nicht beantwortet, sondern gestraft, indem ihm widerstanden wird. Ein verschlossener, geradezu bleierner Himmel ist die Folge, allem Bitten zum Trotz, während dem Weg der Demut Gnade beschieden ist. Die Geistesgaben, um die es hier geht, werden in dem Zusammenhang als charismata, Gnadengaben, Gnadengeschenke; eigentlich Gnadenfolgen bezeichnet (Rö 12. 6, Eph 4. 7). Die Gnadengaben sind also Folgen von Gnade. Gnade ist aber, wie wir sahen, ein Geschenk, das Gott nur den Demütigen gewährt, d. h. denen, die miteinander herabstehen, die sich also im Frieden, und nicht in dem beschriebenen Unherabstand befinden. Ein Mangel an Gnadengaben in der Versammlung aller zeigt daher einen Mangel an Gnade selbst an und ist somit ein klares Indiz für Eigenwillen, Stolz und Überhebung Einzelner. Hervorzuheben ist, daß Jakobus von dem Stolzen in der Einzahl spricht, während die Demütigen in der Mehrzahl erwähnt werden. Demütig sein führt also in Gemeinschaft, in der gegenseitiges Herabstehen, also ein Zurücktreten und Schweigen geboten ist, damit der andere zum Zuge kommen kann. Stolz führt jedoch in Überhebung – der Stolze will herausgehoben, will Leiter sein – und damit in Trennung vom Körper, in Isolation.


    Da mag man jeden Sonntag vorne stehen und schöne Reden halten. Da mag man in keiner Gemeindeversammlung fehlen, stets den Terminkalender voll, immer „volles Programm” haben. Doch diese Isolation, um die es hier geht, findet im alltäglichen, allwöchentlichen Lebensvollzug, abgehoben und abgesondert von der Gemeinschaft aller statt, losgelöst vom Kontext der Beziehungen, die Gott gesetzt hat, meist auch in räumlicher Entfernung, separiert in „Pfarrhäusern” und „Pastorenwohnungen”, verbarrikadiert hinter Anrufbeantwortern, Geschäftigkeit und Terminabsprachen. Das eigene Leben hat nun nicht mehr allzuviel zu tun mit dem Leben derer, die man zu leiten vorgibt. Hier wurde übersehen, daß Gott die Gabe in die Gemeinde gesetzt hat und nicht über sie (1Kor 12. 18, 21). Wer sich über dem Körper, in exponierter Stellung wähnt, befindet sich in Wahrheit jedoch neben und nicht in ihm. Gleicherweise gibt es keine separate Körperschaft neben oder innerhalb des Körpers, als über diesen gesetzt, wie manche lehren; nur ein Körper, lehrt die Schrift (Eph 4. 4).

    Die Gemeinde aber – das ist weit mehr als die Versammlung am Sonntag, das Gebetstreffen am Dienstag oder die Bibelstunde am Mittwoch. Auch nach den Treffen und außerhalb des Gemeindehauses haben wir ja nicht aufgehört, Gemeinde Gottes im Wortsinn, d. h. Seine Herausgerufene (ekklesía) zu sein, solange wir dabei bleiben, uns tatsächlich auch von Gott rufen und zusammenführen zu lassen. So ist die beschriebene Absonderung eine vom normalen Leben sogenannter „gewöhnlicher Gläubiger”. In den Versammlungen aber erzeigt sie sich daran, daß die einzigen, die am Alltagsleben der Glieder kaum noch teilnehmen, nun fast immer ebenso die einzigen zu sein scheinen, die in ihr noch etwas zu sagen haben, während die meisten anderen zum Schweigen verurteilt sind. Erinnern wir uns noch? Sollte in der Versammlung der Kinder Gottes nicht jeder etwas mitzuteilen haben, und nicht nur einige wenige? Möglicherweise ist dieses Losgelöstsein der so Herausgehobenen auch ein Grund dafür, weshalb es in unseren Tagen so viele besondere „Leiterschaftstreffen” gibt, „nur für Leiter”, „nur für Pastoren”, zu denen wiederum kein Anderer zugelassen wird. Sollte dies etwa eine gewisse Einsamkeit aufheben, die Absonderung vom Körper kompensieren helfen?


    Hier, in maßlosem Stolz, im Unherabstand Einzelner, finden wir also den Grund dafür vor, weshalb es an der gemeinsamen Ausübung der Gnadengaben so sehr mangelt, während nur einige wenige sprechen dürfen. Und – so sollte hier einmal angefragt werden – wenn Gott nicht der Gott der Unordnung, sprich: des Unherabstandes ist, sondern der des Friedens, welcher Gott ist dann der jenes Zustandes, den Paulus Unherabstand nennt? Wenn unser Gott Jahwe, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Gott des Friedens ist, welchen Namen hat dann der andere? Denn wenn Paulus diese Aussage macht, indem er das Wort Gott mit Artikel nennt und dadurch persönlich, ansprechbar macht, so meint er damit auch, daß nicht nur der Frieden einen Gott hat – nämlich den der Bibel – sondern auch der Aufruhr. Der Gott des Aufruhrs, namentlich des Unherabstandes, aber ist nicht der Gott des Friedens, sondern ein anderer. In diesem Unherabstand finden wir nämlich genau die Ordnung wieder, die einst ein Jethro in Israel eingeführt hatte – die Ordnung eines heidnischen Gottes, vertreten durch einen ebenso heidnischen Priester, wie dies im ersten Kapitel dieses Buches beschrieben worden ist, und in der einer über dem anderen regiert, indem er ihm – einer Hierarchie gemäß – den Willen Gottes als gewissermaßen höheren Willen zu vermitteln vorgibt.

    Diese Ordnung aber, nach der es einzelne Fürsten gibt, die ihrerseits wieder Obere einsetzen, um die vielen Untenstehenden zu regieren, ja zu unterdrücken, ist die Ordnung und Struktur dieser Welt, von der Jesus ausdrücklich sagte, daß sie unter den Seinen nicht gefunden werden soll (Mt 20. 25, Mk 10. 42). Und der Fürst und Gott eben dieser Welt ist wiederum Satan, jener Sohn der Morgenröte genannte Glanzstern, dessen Bestreben seit jeher darin besteht, sich wegen seines Glanzes über alle anderen Sterne zu erhöhen und sich darin als ein Gott dem Allerhöchsten gleich zu machen (Jo 12. 31 u. a., Jes 14. 13 - 14, Hes 28. 15 - 17). Dies sind Gedanken, die wir nicht allzu schnell zu den Akten legen dürfen. Sie sollten uns vielmehr auf die Knie und in die Umkehr treiben, die wir so sehr gegen die Liebe gesündigt haben und uns von Satan mißbrauchen ließen, so daß dieser Eingang in die Versammlungen der Heiligen finden konnte.




Einer über alle, alles durch alle, alles in allen

  Die hier besprochene Ordnung des Friedens wird auch in anderen Paulusbriefen thematisiert. Sie ist doch eine so völlig andere als die im vorigen Absatz beschriebene. Der Epheserbrief etwa wird – einheitlich zu dem, was Paulus an die Korinther schrieb – dazu anhalten,

    „würdig der Berufung zu wandeln, zu der ihr berufen wurdet, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld einander in Liebe ertragend. Befleißigt euch, die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens zu halten: Eine Körperschaft und ein Geist, so wie ihr auch zu einem Erwartungsgut eurer Berufung berufen wurdet; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der über allen ist und durch alle und in allen wirkt.”
Eph 4. 3 - 6

    Hier also finden wir den Frieden wieder, den Paulus im ersten Korintherbrief den Gegensatz zur Unordnung nannte. Einander mit Geduld zu tragen, demütig zu sein, dem anderen den Vortritt zu lassen, wenn Gott will, daß seine Gabe zum Zuge kommt – das sind Dinge, derer wir uns hier befleißigen, d. h. in denen wir uns besonders üben sollen. So kennzeichnet dieser Weg der Liebe ein Band, das alle zusammenhält: die gegenseitige Akzeptanz, das Geben und Annehmen des durch alle Dargereichten. In dieser Weise soll alles in Ihn, den Christus aus Haupt und Gliedern, hineingegeben, ja regelrecht einverleibt werden, damit das gemeinsame Wachstum des Körpers in dieser Liebe vollzogen werden kann (Eph 4. 16).


    Damit ist also klar die göttliche Ordnung beschrieben, die im Frieden gegründet ist. Daß alles durch alle und in allen zum Tragen kommt, ist nur dann möglich, wenn nur Einer über allen ist – unser Herr und Haupt Jesus Christus Selbst. Da müssen all die anderen „Häuptlinge” abtreten, müssen die selbst angemaßten „Throne” fallen. Denn daß mit dieser biblischen Ordnung nicht jener Zustand gemeint sein kann, der heute leider vor aller Augen ist – eine sogenannte „Leiterschaft” agiert, während das vermeintliche „Volk” konsumiert, schweigt, gehorcht und zahlt – sollte nun vielleicht doch auch der Letzte bemerkt haben. Finden wir in diesem Zustand doch gerade jenen Unherabstand, jenes Nichtherabstehen wieder, vor dem Paulus im ersten Korintherbrief warnte, und von dem er aussagt, daß in ihm der Gott des Friedens nicht zu finden sei. Im Nachfolgenden wird uns nun dieses anhand des Kolosserbriefes weiter beschäftigen.


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Anmerkungen und Erklärungen zum Kapitel

[1] Hier sei in Kürze auf die sogenannte Berliner Erklärung von 1910 hingewiesen, die, obwohl sie durchaus wesentliche Elemente der Wahrheit enthält, doch außerordentlichen Schaden angerichtet hat, da mit ihr nun alle geistlichen Kundgebungen verteufelt und abgewertet worden sind, ohne auch nur irgendwie zu differenzieren, nachdem es im Jahre 1909 in diversen Versammlungen zu verschiedenen, tlw. auch schweren Entgleisungen und Verirrungen gekommen war. Hier wurde nicht erst versucht, das Auftreten verkehrter Dinge zu berichtigen, wie es die Liebe geboten hätte, sondern es wurde alles abgetan. Diese Erklärung, die überdies zu einer tiefen Spaltung unter Kindern Gottes geführt hat, ist daher zuallererst ein Ausdruck mangelnder Liebe gewesen. Hier war, z. T. wohl auch bewußt, „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet” worden. Freilich sind dieselben Entgleisungen, die schon damals zu Spaltung und Entzweiung unter Brüdern geführt hatten, auch heute wieder modern – leider. Das Thema ist also nie wirklich aufgearbeitet, sondern bestenfalls tabuisiert worden, und zwar von allen Beteiligten. Hier muß auch weiterhin zwingend eine Berichtigung stattfinden. Nur eine Reinigung durch Jesu Blut kann dann auch wieder zur Versöhnung und Heilung der tiefen Risse führen, die der Feind sowohl in der damaligen wie auch in der jüngeren Zeit geschlagen hat. Dazu muß diese Sünde als solche beim Namen genannt und um Vergebung gebeten werden, sowohl vor Gott, als auch unter Brüdern. Und so gilt es auch, die Entgleisungen abzulegen, die in pfingstlich-charismatischen Gruppen immer wieder geschehen sind und noch geschehen. Dabei geht es auch um einen massiv anzutreffenden Stolz gegenüber den Anderen, die „diese Erkenntnis nicht haben”, und so wird es unumgänglich, sich auch voreinander zu demütigen und die beiderseitigen Irrtümer auszuräumen. Die Zungenrede darf eben nicht wieder abgelehnt werden, wie damals geschehen; ihre Ausübung muß nur in die Ordnung hineinkommen, die Paulus beschrieben hat, und um die es hier geht: „Daher, meine Brüder, eifert danach, prophetisch zu reden, und verwehrt nicht, in Zungen zu sprechen. Alles aber geschehe wohlanständig und ordnungsgemäß!” (1Kor 14. 39 - 40)

[2] Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit (2Kor 3. 17). Wo aber zwanghafte Manifestationen stattfinden und diese Freiheit des Aufhörenkönnens zu jeder Zeit nicht gegeben ist, und dies zwar bei vollem Bewußtsein der Darbietenden, da haben wir es demnach mit der Einwirkung, ja Fremdsteuerung dämonischer Geister zu tun. Denn wenn Gott durch uns etwas gesagt haben will, haben wir immer die Kontrolle über uns selbst oder – wie Paulus sagte – „die Geister der Propheten sind den Propheten untergeordnet” (vgl. 1Kor 14. 32).

[3] Der Irrweg des Erhebens von Zehntgeldforderungen, ein gesetzlicher Weg, der sich in völligem Gegensatz zu dem im Neuen Testament geoffenbarten Weg der Liebe befindet, ist in der Schrift „Die Zehntenlüge Vom Opfer, dem Gebannten und der Barmherzigkeit” ausführlich und detailliert dargelegt worden. Hierin wird auch nachgewiesen, daß die Zehntenlehre eine Gesetzeslehre ist, wobei die Leugnung dieser Tatsache durch die so zahlreichen Gesetzeslehrer unserer Tage gründlich widerlegt wird. Derselbe Weg und die ihm entsprechende Grundhaltung wurde auch in dem Büchlein „Die verwundete Liebe” beschrieben.

[4] Der Weg von unten nach oben wird darum Religiosität genannt; sie kennzeichnet das Bemühen der Menschen, sich Gott entgegenzuarbeiten. Der Weg aber, den Christus beschritt, stellt den Weg der Offenbarung dar: Er „diente” Sich nicht hoch, sondern kam herab; Er verließ die Herrlichkeit, die Er bei Gott hatte, kam auf die Erde und wurde Mensch. Hierin sehen wir auch den Gegensatz zwischen menschlicherseits verkündigten Lehrsätzen (Dogmen) und vom Himmel her geoffenbarter Erkenntnis.

[5] Hierzu gehört auch die unter Christen weitverbreitete Irrlehre, daß nur der zur Liebe am Nächsten fähig sei, der sich selbst lieben lerne. Damit wird allerdings das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, durch Fehldeutung geschickt in sein direktes Gegenteil verkehrt. In dem Liebesgebot, das zugleich auch Verheißung ist, geht es aber doch gerade um selbstlose Liebe (agape), sucht doch diese Liebe nicht das Ihre in keiner Weise (siehe 1Kor 13. 5). Wie kann man aber selbstlos lieben, wenn man zugleich noch sich selbst lieben soll? Wie kann man auf das Seine verzichten, wenn man zugleich dieses Begehren des Eigenen, da man es an die erste Stelle setzt, noch zur Vorbedingung der Liebe erklären will? Und wie paßt die hier angeratene Selbstliebe zu dem Gebot Christi, sich selbst zu verleugnen? Warum schreibt Paulus dann in seinem zweiten Brief an Timotheus darüber, daß der Menschen der Endzeit „... werden selbstsüchtig (wörtlich: dem Selbst freund, philauton) sein, lieblos, geldgierig, hoffärtig, stolz usw., Menschen also, von denen wir uns abkehren sollen? (2Tim 3. 2 - 5) Nun, indem wir uns an das Wort halten und aufzuzeigen bemüht sind, was dieses Wort dazu zu sagen hat, entpuppt sich die hier angezeigte Lehre als Bestandteil ganz gewöhnlicher, weltlicher Psychologie. Sie geht nachgewiesenermaßen zurück auf Behauptungen des gottlosen Psychoanalytikers Erich Fromm, der im Übrigen die Meinung vertrat, daß der Glaube an Gott nur eine „kindische Illusion” sei (Erich Fromm, Man for Himself: An Inquery into Psychology of Ethics, Bantam Books, 1963, S. 59; zitiert aus: Dave Hunt, Die okkulte Invasion, CLV Bielefeld, S. 469).

    Schließlich fanden Fromms Ideen auch Eingang in offensichtlich schläfrig gewordene christliche Kreise, die sich somit nach und nach von klaren Aussagen des Wortes Gottes abbringen ließen. Das, was man wohl hören wollte, da es jedermann in den Ohren kitzelte, klang auch gar zu bestechend, zumal es doch eine Auslegung der Worte Jesu zu sein schien (vgl. 2Tim 3. 3 - 4). Man hatte dabei nur vergessen, daß der, der dem Wort nicht glaubt und daher Christi Geist nicht hat, auch die Dinge Gottes nicht verstehen kann und ihm damit jegliche Kenntnis fehlt; er muß geradezu irregehen und damit zu falschen Schlüssen kommen (vgl. 1Kor 2. 6 - 16). Mit der Annahme solcher Lehren dürfte wahrscheinlich die Geburtsstunde der so genannten christlichen Psychologie eingeläutet worden sein. Wir richten uns damit nicht gegen die Psychologie als solche. In ihren Grenzen findet sie ihre Berechtigung und auch ihre Notwendigkeit; in der Auslegung des Wortes Gottes aber hat sie nichts verloren. Einige etwas aufgeklärtere Zeitgenossen aus der Welt der Psychologie bezeichnen ein solches Fixiertsein auf sich selbst, eine solche über alles andere gestellte Selbstliebe allerdings als Krankheit, als Narzissmus, benannt nach der griechischen Sagengestalt Narziss, welcher wegen seiner Selbstverliebtheit nicht mehr von sich selbst loskommen konnte. Selbstliebe macht uns in Wahrheit beziehungsunfähig, da Beziehungsfähigkeit immer ein Wegsehen von sich selbst voraussetzt. Wer in Beziehung leben will, der muß seinen Fokus von sich weg und auf den Anderen, den Gegenüber hin gerichtet haben. Denn den Anderen zu lieben wie sich selbst – das griechische Wort hos in Mt 19. 19 implementiert auch ein als, ist also nicht nur Vergleich, sondern auch Alternative – setzt diesen Anderen an meine Statt. – Vielleicht bemerken wir doch einmal, wie sehr der Feind schon in die Reihen der Kinder Gottes eingebrochen ist, viele von ihnen in weltliche Gesinnung hineingeführt und mit seinen Lügenlehren Verwirrung und Unheil angerichtet hat.




Verwendete Bibelübersetzungen und Textausgaben

Wo nicht anders angegeben, wurde für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose,
die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die Konkordante Übersetzung verwendet.

Konkordantes Neues Testament (KNT)
mit Stichwortkonkordanz 5. Auflage 1980, neu überarbeitet

Konkordantes Altes Testament (KAT)
Das Erste und Zweite Buch Mose, 2. erw. Auflage

Die Psalmen, 1. Auflage 1994

Konkordanter Verlag Pforzheim

Die im KAT verwendete Transliterierung für den Gottesnamen haben wir in der Wiedergabe jeweils durch das gebräuchlichere „Jahwe” ersetzt.

An allen anderen Stellen wurden verwendet:

Elberfelder Übersetzung (Unrevidierte Version)

Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”, 73. Auflage 1993

Revidierte Elberfelder Übersetzung

Verlag R. Brockhaus, Wuppertal

Schlachter - Übersetzung

„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments
Unter Berücksichtigung der besten Übersetzungen
Nach dem Urtext übersetzt von Franz Eugen Schlachter,
Neu bearbeitet und herausgegeben durch die
GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf, 1985”

sowie die Übersetzung „Schlachter 2000”


Die Geschriebene des Alten und des Neuen Bundes

Übersetzung von Fritz Henning Baader, Schömberg


Novum Testamentum Graece

(Nestle-Alandt)

26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988,
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart







Lieber Bruder, liebe Schwester!

Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm berührt worden sind.


Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).

Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu Schatzhebern werdet.

Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst dafür eine Tür aufgetan hat.

Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:

1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt 10. 8 - 9).

2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.

3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.

Stand: 28. 04.2012

© 2003 ff.


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